Diözesan-Caritasverband Speyer, 17.11.2017

Gedenken an Verfolgte des NS-Regimes

Stolperstein-Initiative verlegt am Caritas-Förderzentrum St. Christophorus in Kaiserslautern Gedenkstein für Opfer der Nazi-Herrschaft

Die Stolperstein-Initiative in Kaiserslautern setzte am 9. November vor dem Caritas-Förderzentrum St. Christophorus in Kaiserslautern ein Zeichen für Stigmatisierte und Entrechtete, die während der Nazi-Herrschaft verfolgt, interniert und ermordet wurden. Zu der Aktion waren neben Mitgliedern der Initiative unter anderem Bürgermeisterin Susanne Wimmer-Leonhardt, Mitglieder des Stadtrates, Vertreter der jüdischen Gemeinde sowie weitere Interessierte gekommen.


Michael Wiesheu (dritter von links), engagiert in der Stolperstein-Initiative, stellt die Biographie von Heinrich Wagner vor, für den der Stolperstein vor dem Caritas-Förderzentrum St. Christophorus verlegt wurde.

Die Stolperstein-Initiative verlegt in Kaiserslautern seit 2013 vor den Häusern von NS-Opfern Stolpersteine. Seit vergangener Woche sind es 111 Menschen, denen gedacht wurde. Die Aktion am Caritas-Förderzentrum St. Christophorus wurde einer Opfergruppe gewidmet, die bisher in der Öffentlichkeit wenig beachtet wurde, wie die Initiative bekanntgibt. Die Initiative will mit der Aktion auf das Schicksal von Menschen aufmerksam machen, die vom NS-Regime stigmatisiert und entrechtet wurden.

Einer von ihnen ist Heinrich Wagner, der 1878 in Kaiserslautern geboren wurde und am 21. März 1942 im Konzentrationslager Buchenwald starb. Die Initiative hat seine Biographie recherchiert und Michael Wiesheu, der sich in der Initiative engagiert,  skizzierte seinen Lebensweg nach. Heinrich Wagner war dreimal verheiratet gewesen, berichtete Wiesheu. Zwischen 1910 und 1940 war der Kaiserslauterer an etwa einem Dutzend Wohnsitzen in seiner Heimatstadt gemeldet, hielt sich aber auch darüber hinaus an anderen Orten auf. Er leistete von 1914 bis 1918 Kriegsdienst, nach dem er einige Jahre in Berlin wohnte, um dann 1931 wieder nach Kaiserslautern zurückzukommen, wo er bei seiner Schwester wohnte. Laut den Meldedaten der Stadt Kaiserslautern wurde Wagner am 26.  August 1933 im Gefängnis in Schutzhaft genommen. Von dort aus wurde er im Oktober 1934 ins Konzentrationslager Dachau zu deportieren. Er wurde dort zwei Jahre festgehalten, bevor er im Dezember 1936 entlassen wurde.

Am 14. Oktober wurde die Freiheit von Heinrich Wagner endgültig beendet“, sagte Michael Wiesheu. Denn die Kriminalpolizei Kaiserslautern nahm Heinrich Wagner an diesem Tag  im Auftrag der Gestapo Neustadt wegen angeblich „staatsfeindlicher Äußerungen“ mit der Begründung „Staatsfeindliches Verhalten“ erneut in „Schutzhaft“. „In der Gefängnisakte ist nicht ausgeführt, was ihm konkret vorgeworfen wurde“, betonte Michael Wiesheu. In seinem Gefängnis-Personalbogen sei unter der Berufsbezeichnung „Invalide“ vermerkt gewesen, ergänzte Wiesheu. Zunächst war er im Landgerichtsgefängnis 1 in Kaiserslautern inhaftiert, doch einen Monat später hatte das Reichssicherheitshauptamt in Berlin „für Heinrich Wagner bis auf weiteres Schutzhaft und seine Überführung in das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar“ angeordnet.

Bei seiner Entlassung am 24.11.1941 musste Wagner unter der Rubrik „Abgangsverhandlung“ per Unterschrift die vorgedruckte Formulierung „Ich habe in der Vollzugsanstalt einen Unfall erlitten“ unterschreiben. Die Mitglieder der Stolperstein-Initiative schließen daraus, dass Heinrich Wagner misshandelt wurde. Verletzungen bei Gefangenen des Landgerichtsgefängnisses 1 seien nicht unüblich gewesen.

Wagner wurde zunächst in das Strafgefängnis / Untersuchungshaftanstalt nach Mannheim gebracht und am 28. November 1941 in das KZ Buchenwald eingeliefert. In der heutigen Gedenkstätte sind die ehemaligen Unterlagen einsehbar, nach denen Wagner als politischer Häftling bezeichnet wurde.  „Man kann davon ausgehen, dass er als politisch Verfolgter in einer Strafkompanie zu Zwangsarbeiten eingesetzt wurde, sagte Wiesheu. Zu jener Zeit hätten sich dort mehr als 9.000 Gefangene dort befunden. Die Behringswerke und das Robert-Koch-Institut hatten im März 1941 mit den Gefangenen des Lagers Versuche mit Impftests und der Infizierung mit Fleckfieber gemacht, schildert Wiesheu das schwere Leid  der Insassen. Von Heinrich Wagner weiß die Initiative, dass er in Buchenwald am 21. März 1942 gestorben ist, als Ursache sei „Herz- und Kreislaufschwäche“ angegeben worden, schloss Wiesheu seinen aufrüttelnden Bericht.


Dr. Doris Lax von der Stolperstein-Initiative berichtete darüber, wie das NS-Regime mit Menschen umgegangen sind, die nicht konform waren.

Heinrich Wagner sei nur ein Schicksal von vielen, denn es gab damals viele als asozial stigmatisierte und entrechtete Menschen, denen durch das NS-Regime großes Unrecht widerfahren ist und die ermordet wurden, führte Dr. Doris Lax, engagiertes Mitglied der Initiative,  in ihren Vortrag über „Stigmatisierte und Entrechtete – die vergessenen Opfer“  ein: „Es sind all diejenigen Menschen, die die Weltsicht der Nazis nicht teilten und nur deshalb verfolgt, interniert und ermordet wurden.“ Die Geschichte dieser Menschen aufzudecken und aufzuarbeiten, gehöre „zu den schwierigsten Aufgaben, denen wir uns zu stellen haben.“

Die Zahl der betroffenen Menschen sei bis heute unklar, weil viele ohne jede Spur von der Bildfläche verschwanden“, sagte Lax. Ihre Schicksale seien unterschiedlich gewesen, doch ein Merkmal hätten sie gemeinsam gehabt: Der schwarze oder anfangs braune Winkel an ihren KZ-Häftlingsuniformen, der sie als „Asoziale“ abgestempelt hatten. Es habe im Nationalsozialismus keine genauere Definition gegeben, was als „sozial minderwertig“ betrachtet wurde. „Je nachdem, welche Menschen nun gerade den Machthabern ein Dorn im Auge waren, konnte und wurde die Stigmatisierung „asozial angepasst, um unliebsame, andersdenkende oder anderslebende Menschen zu verfolgen, führte Lax aus.

Von einer Gruppe zu sprechen, sei daher schwierig, denn zu den Stigmatisierten wurden viele gezählt: „Dazu gehörten all diejenigen, deren sexuelle Orientierung, sonstige Lebensweise und Selbstverständnis, politische Einstellung oder einfach auch ihre gesellschaftliche Randposition sie dazu verdammte, von den Machthabern als unerwünscht oder gar ‚schädlich‘ betrachtet zu werden“, sagte Lax. So wurden Homosexuelle, Prostituierte, Sinti und Roma, Arbeitslose, Wohnungslose, Bettler, Landstreicher, Gelegenheits- und Wanderarbeiter, Alkoholkranke mit einem Stigma behaftet. Diese Menschen wurden ab 1933/1934 systematisch verfolgt. Tausende Bettler, Landstreicher, Wohnungslose und andere, die am Rande der bürgerlichen Gesellschaft lebten, wurden in „Schutzhaft“ genommen und in Arbeitslagern interniert. „Wie viele dieser Menschen unter katastrophalen Bedingungen und dem Arbeitszwang umkamen, wird nie aufzuklären sein“, sagte Lax.

Es folgten Wellen der Verhaftung und Internierung von politisch Andersdenkenden, von Sinti und Roma, von Zeugen Jehova und von Menschen, die eine andere als die propagierte sexuelle Orientierung oder Einstellung hatten – alles mit dem Ziel, alles „Gemeinschaftsfremde“ aus der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ zu entfernen und jedes abweichende Verhalten zu beseitigen, führte Lax aus.

Zu diesen „Gemeinschaftsfremden“ zählten die Nazis schließlich auch alle Menschen, die keiner oder keiner geregelten Arbeit nachgingen oder nachgehen konnten. Diese als „arbeitsscheu“ abgestempelten Menschen wurden in großen Aktionen verhaftet und vornehmlich in den Konzentrationslagern Buchenwald und Sachsenhausen interniert wurden. Sie wurden zu härtesten körperlichen Arbeiten bei äußerst mangelhafter Ernährung und so gut wie keinerlei ärztlicher Versorgung gezwungen, schilderte Lax die unmenschlichen Bedingungen.

In unzähligen Fällen, deren genaue Zahl wohl nie ermittelt werden kann, erreichten die Nazis ihr Ziel, fuhr Lax fort. Weil ihre Opfer sogar von der Straße weg verschleppt, ihre Angehörige häufig selbst unter Generalverdacht gestellt wurden und um keinen Preis auffällig werden wollten, aber auch weil diejenigen, die überlebten, sich schämten und bis heute kaum Fürsprecher haben, sei es so schwierig, etwas über ihre Schicksale herauszufinden.

Die Verlegung des Stolpersteins für Heinrich Wagner sei der Anlass, stellvertretend allen Opfern zu gedenken, schloss Lax ihren Vortrag.