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Stand: 30.07.2019

Pressemitteilung

“Familien in Armut werden von Hilfeangeboten oft nicht erreicht“

Ute WeisUte Weis, Kinder- und Jugendhilfe-Referentin des Caritasverbandes für die Diözese Speyer. Astrid Rometsch / Caritasverband für die Diözese Speyer

Am 7. Mai 2021  wurde vom Deutschen Bundesrat das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (KJSG) verabschiedet. Die Kinder- und Jugendhilfe-Referentin des Caritasverbandes für die Diözese Speyer hält das reformierte Gesetz für einen Meilenstein zu einer verbesserten Situation für Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebenslagen und für Kinder und Jugendliche mit Behinderung. Melanie Müller von Klingspor, Pressesprecherin des Caritasverbandes, hat mit Ute Weis darüber gesprochen.

Melanie Müller von Klingspor: Wo sehen Sie die wesentlichen Verbesserungen für Kinder und Jugendliche durch die Gesetzesreform?

Ute Weis: Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebensverhältnissen sind künftig besser geschützt. Davon profitieren vor allem junge Menschen in Heimen, in Elternhäusern die wenig unterstützen können und in Pflegefamilien. Die Kooperation der Kinder- und Jugendhilfe mit dem Gesundheitswesen, den Strafverfolgungsbehörden, den Familiengerichten, der Jugendstrafjustiz und anderen wichtigen Akteuren im Kinderschutz wird deutlich verbessert. Ärzte sollen enger mit dem Jugendamt zusammenarbeiten, um einen Verdacht auf Kindeswohlgefährdung besser melden zu können. Zukünftig sollen Fachkräfte auch eine Rückmeldung erhalten, damit sie wissen, wie es für das Kind weiter gegangen ist.

Bisher war es ja so, dass unsere Erziehungsberater*innen Kinder und Jugendliche nur in besonderen Notsituationen beraten konnten, ohne deren Eltern darüber zu informieren. Das hat Kinder und Jugendliche sicher häufig davon abgehalten, zu uns zu kommen, um über ihre Probleme zuhause zu sprechen?

Ja, das war so. Nur wenn eine sehr kritische Situation für das Kind oder den Jugendlichen gegeben war, durften unsere Berater*innen die Eltern zunächst außen vorlassen. Aber Kinder sind ja nicht immer unmittelbar psychisch oder physisch bedroht. Meist gibt es zuhause einfach familiäre Konflikte, über die Jugendliche reden wollen, ohne dass die Eltern darüber Bescheid wissen. Das ist mit dem reformierten Gesetz jetzt möglich.

Die Familienministerin Franziska Giffey hält das überarbeitete Gesetz auch für einen großen Schritt hin zu mehr Inklusion. Worin begründet sich das?

Dies wird erreicht durch eine Verankerung der Inklusion als Leitgedanken. Künftig muss eine gemeinsame Betreuung von Kindern mit und ohne Behinderungen möglich sein. Das war vorher nicht so. Außerdem sollen sich Einrichtungen der stationären Kinder- und Jugendhilfe, wie zum Beispiel unser Caritas-Förderzentrum St. Raphael in Altleiningen, in der Zukunft so aufstellen, dass sie auch Kinder mit Behinderung aufnehmen können. Das bedeutet natürlich, auch strukturell andere Rahmenbedingen zu schaffen, wie etwa Barrierefreiheit.

Und ab 2024 ist gesetzlich festgelegt, dass Familien, in denen ein Kind mit einem Handicap lebt, beim Jugendamt einen festen Ansprechpartner für ihre Belange bekommen, einen so genannten Verfahrenslotsen. Dieser unterstützt die Familie bei allen Anträgen auf Unterstützungsleistungen und weiß, wer für Hilfsmittel, Frühförderung oder Physiotherapie zuständig ist und wo die Familien die jeweiligen Leistungen beantragen können. Im besten Fall nimmt er die Familien an die Hand und durchläuft mit ihnen die Verfahren.

 

Der Gesetzesreform zugrunde liegt ein über neun Jahre dauernder Dialogprozess, in den rund 9000 Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe eingebunden waren. Dieser Dialogprozess hat unter anderem zu der Erkenntnis geführt, dass viele Kinder und Jugendlich mit den aktuellen Hilfemaßnahmen nicht erreicht werden. Warum ist das so?

Man hat festgestellt, dass gerade die Familien, die in Armut leben und einen höheren Förderbedarf haben, von vielen Hilfen nicht erreicht werden, weil die Zugänge für diese Familien zu schwer sind. Es gibt sprachliche Hürden und die Familien kennen die Hilfsangebote nicht. Oft wird vorausgesetzt, dass die Menschen von sich aus aktiv werden, um zu uns zu finden. So funktioniert das aber meist nicht. Wir brauchen andere Zugänge - und dafür auch mehr Ressourcen. Hier in Speyer zum Beispiel haben wir kürzlich ein Projekt begonnen, das nennt sich Kita-Sozialarbeit. In der Kita sind die meisten Kinder. Die Erzieher*innen kennen die Familien und identifizieren auch deren Unterstützungsbedarfe. Durch eine Mitarbeiterin des Caritas-Zentrums, die in die Kitas geht, ist der Zugang zu den Hilfeangeboten des Zentrums leichter. Die Zukunft liegt in mehr sozialräumlichen Angeboten. Der Horeb-Treff in Pirmasens ist ein gutes Beispiel dafür. Oder auch das Caritas-Kinderhaus in Homburg und das Caritas-Kinderzentrum in St. Ingbert: Dort kommen die Kinder nach der Schule hin, können Freunde treffen, erhalten aber auch Hilfe bei den Hausaufgaben und Freizeitangebote.

Die Gesetzesnovelle bezieht auch junge Erwachsene über 18 Jahren mit ein. Wo gibt es da Verbesserungen?

Bisher war es so, dass für junge Erwachsene mit Erreichen des 18. Lebensjahres die Jugendhilfemaßnahmen in der Regel beendet waren. Und oft, muss man sagen, hatten die jungen Menschen auch die Nase voll und sind gerne ausgezogen. Allerdings sind eben für diese jungen Erwachsenen die Startbedingungen in ein selbstständiges Leben erschwert, und manchmal geht das auch schief. Jetzt ist es so, dass es ein Rückkehrrecht in eine Jugendhilfe-Maßnahme gibt, gerade auch, wenn der junge Erwachsene schon für längere Zeit die Einrichtung verlassen hatte. Man nennt diese jungen Menschen auch Careleaver, also "die Sorge Verlassende". Diese Careleaver haben sich in einem Verein ehemaliger Heimkinder zusammengeschlossen und engagieren sich für ihre Rechte. Bisher hat dieser Verein bundesweit junge Menschen ehrenamtlich unterstützt. In der Novelle ist festgelegt, dass der Verein der Careleaver jetzt auch finanziell unterstützt werden muss.

Text und Foto: Melanie Müller von Klingspor / Justine Köhler

 

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