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Stand: 17.09.2018

Pressemitteilung

Intensive Diskussion über komplexes Thema

Die Ethikberaterinnen Stefanie Kreutz (von links), Katja Stopfer und Anette Nicola-Imhoff tauschen Erfahrungen aus.Planungsgespräch vor Beginn: Die Ethikberaterinnen Stefanie Kreutz (von links), Katja Stopfer und Anette Nicola-Imhoff tauschen Erfahrungen aus.Wipress / Caritasverband Speyer

"Ethik im Dialog" ist ein Angebot zum zwanglosen Austausch über Fragen, die die Mit-arbeiterinnen und Mitarbeitern bewegen, die in Einrichtungen der CBS Caritas Betriebsträgergesellschaft Speyer mit alten Menschen oder Menschen mit Behinderung arbeiten. Ein Jahr lang wurde die Reihe von Gesprächsnachmittagen in Kaiserslautern und Landau, jeweils moderiert von zwei Ethikberaterinnen, realisiert. Ende November endete die Reihe für dieses Jahr mit dem fünften Termin in Landau. Teilnehmer und Moderatorinnen zogen eine positive Bilanz. Alle waren sich einig: Das Angebot aufrecht zu erhalten, ist wünschenswert.
Das zentrale Thema von "Ethik im Dialog" ist zum einen das Spannungsfeld zwischen größtmöglicher Autonomie der behinderten beziehungsweise alten Menschen und der Fürsorgepflicht derjenigen, in deren Obhut sie stehen. Und zum anderen geht es um die - sich in diesem Spannungsfeld entwickelnden - Handlungsweisen.

Zu den Gesprächsnachmittagen, die abwechselnd im "Café Caritass" im Caritas-Förderzentrum St. Laurentius und Paulus und im katholischen Altenzentrum Landau sowie in Caritas-Einrichtungen in Kaiserslautern stattfanden, hatten sich regelmäßig etwa zwei Dutzend Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen beider Einrichtungen eingefunden, berichteten die beiden Ethikberaterinnen Stefanie Kreutz und Katja Stopfer im Gespräch bei der von ihnen vorbereiteten Veranstaltung zum Jahresabschluss in Landau.
Ein lebhafter und intensiver Austausch rund um das Thema Essen wurde der Schwerpunkt des aktuellen Nachmittags - ausgehend von einer Situationsschilderung aus dem Arbeitsalltag eines im Förderzentrum tätigen Mitarbeiters.

Es wurde diskutiert, wie berechtigt etwa welcher Umgang mit einem Menschen mit Behinderung sei, um ihn zu einem gewünschten Essverhalten zu bewegen - beispielsweise mit Besteck statt mit den Händen. Eine möglicherweise gebotene Begrenzung der Nahrungsmenge - und was eigentlich, bezogen auf die jeweils Betroffenen, "zu viel" heiße, wurde ebenso erörtert wie etwa die Frage nach der Durchsetzung strikter Befolgung diätetischer Vorgaben. Ebenfalls zur Diskussion stand eine gegebenenfalls von Angehörigen geforderte rigorose Überwachung der Lebensführung oder des Konsumverhaltens ihrer alten Eltern oder behinderten Kinder.

Mitarbeiterin Katja Stopfer zeigt mit Hilfe von zwei verschiebbaren Kugeln, wie sich die Gewichtung in einem ethischen Entscheidungsprozess verschieben kann. Ethische Fragen sind komplex: Katja Stopfer macht symbolisch sichtbar, wie sich die Gewichte im ethischen Entscheidungsprozess verschieben können.Wipress / Caritasverband Speyer

Wie überraschend vielschichtig die Aspekte für eine angemessene Handlungsentscheidung sind und welche Alternativen gegeben sind, zeigte sich schnell. Die Moderatorinnen nahmen die Gedanken der Teilnehmenden auf und ordneten sie in die Abläufe ethischer Entscheidungsprozesse ein.
"Ich bin froh, es in die Runde gebracht zu haben", konnte der Urheber der Diskussion am Ende sagen. Er formulierte, was viele in der Runde bestätigten: Die offene und freie Diskussion bestärkt das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung etwaiger Konfliktsituationen und öffnet die Sicht auf alternative Handlungsweisen als Auswege.

Diese Resultate bestätigten in der abschließenden Rückblicksrunde die meisten der Teilnehmenden. Und sie gaben weitere positive Statements für "Ethik im Dialog" ab: Unter anderem könnten die vielfältigen Erfahrungshintergründe in dieser Gruppe, die gezielten Nachfragen gerade derjenigen, die mit den vorgetragenen Beispielfällen nicht vertraut waren, bisweilen viel weitere Horizonte als übliche Mitarbeiterrunden "auf Station" erschließen. "Eine wertvolle Veranstaltungsreihe", urteilte im Pausengespräch auch eine Mitarbeiterin aus dem Wohnheimbereich des Förderzentrums, die alle Termine wahrgenommen hatte. "Die Runden geben viele Anregungen, zeigen neue Aspekte, sie stärken die Selbstversicherung und sie ermöglichen es sehr gut, sich in andere Mitarbeiter hineinzuversetzen".

Und einem weiteren Zweck der "Ethik im Dialog" wurde ebenfalls Erfolg bescheinigt: Die Reihe stärke bei der Mitarbeiterschaft der Caritas - auch vermittelt durch die Veranstaltungsteilnehmer als Multiplikatoren - die Sensibilität für ethische Konflikte in der alltäglichen Arbeit. Sie schaffe tieferes Verständnis für die Möglichkeiten, die Ethikberatung in die Lösung solcher Konflikte einzubinden. Einigkeit herrschte darüber, dass "Ethik im Dialog" auch weiterhin angeboten werden sollte.

Stichwort: Ethikberatung
Um ethische Konflikte in der Alten- und Behindertenhilfe besser lösen zu können, hat der Caritasverband für die Diözese Speyer seine Ethikberatung etabliert. Dazu hat der Verband zwölf Mitarbeiter/Innen im Zentrum für Ethik, Führung und Organisationsentwicklung im Gesundheitswesen im Heinrich Pesch Haus (zefog) zu Ethikberatern ausbilden lassen. Diesen Dienst können die Einrichtungen in Anspruch nehmen, wenn Fragen im Spannungsfeld zwischen der autonome Selbstbestimmung der Menschen in der Obhut der Einrichtungen und der gebotenen Fürsorge für sie durch die Mitarbeitenden und Betreuenden zu beantworten sind. Eine häufiges Thema, das sich für Mitarbeiter stellt, ist beispielsweise die Frage nach einer Ernährung via Magensonde bei von Demenz Betroffenen. Aber es gibt viele weitere solcher Konfliktsituationen. Sie betreffen beispielsweise pflegerische Maßnahmen, die entgegen den Wünschen der Betroffenen durchgesetzt werden sollen, oder weitere, die ihr Erscheinungsbild korrigieren beziehungsweise bestimmte Verhaltensgewohnheiten unterbinden sollen. Auch die Befolgung medizinisch angeratener Lebensweisen kann dazugehören.

Dafür, diesen Dienst zu leisten, wurden zwölf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu Ethikberatern ausgebildet, die diese Ausbildung im Oktober 2016 abschlossen. Sie stehen bereit, auf Anforderung der Einrichtungen das Verfahren zur ethischen Entscheidungsfindung in konkreten Fällen zu moderieren, unterstützen es mit umsichtigen Fallanalysen, ziehen bei Bedarf für die Optionen relevante Fachleute hinzu, erarbeiten Handlungsempfehlungen.

Mit der Reihe "Ethik im Dialog" wurde im vergangenen Jahr ein Pilotprojekt an den Standorten Landau und Kaiserslautern gestartet. Das ist ein niederschwelliges Angebot zum Austausch über ethische Konflikte und soll - über die Teilnehmer als Multiplikatoren - in der Mitarbeiterschaft die Sensibilität für solche Konfliktsituationen und das Bewusstsein für das Angebot der Ethikberatung und die durch sie gegebenen Möglichkeiten schärfen. Die Teilnehmenden werden von den sie beschäftigenden Einrichtungen für die Teilnahme freigestellt. Die Leitung haben in Landau Stefanie Kreutz und Katja Stopfer übernommen, in Kaiserslautern Anette Nicola-Imhoff und Marita Seegers.

Text und Bilder: Henning Wiechers/Waltraud Itschner für den Caritasverband für die Diözese Speyer

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