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Stand: 17.09.2018

Pressemitteilung

Physiotherapie, ein Begegnungs-Café oder Hausaufgabenbetreuung

Felix Goldinger, Marius Wingerter vom Referat Gemeindecaritas, Christiane Arendt-Stein vom Referat Gemeindecaritas des Caritasverbandes und Domkapitular Franz VogelgesangDer Caritasvorsitzende Domkapitular Karl-Ludwig Hundemer, Daniela Ball-Schotthöfer vom Referat Gemeindecaritas des Caritasverbandes, der Referent für den Impulsvortrag Felix Goldinger, Marius Wingerter vom Referat Gemeindecaritas, Christiane Arendt-Stein vom Referat Gemeindecaritas des Caritasverbandes und Domkapitular Franz Vogelgesang, Leiter des Seelsorgeamtes hatten gemeinsam den Fachtag organisiert. Klaus Landry

„Draußen zuhause: sozialraumorientiert Kirche gestalten“ war der Titel des sechsten Fachtags zur Sozialraumorientierung von Caritas und Pastoral am 12. September im Priesterseminar Speyer. Rund 65 TeilnehmerInnen interessierten sich für die Frage, wie Kirche neu gedacht und gelebt werden kann, wenn die Menschen in den Pfarrgemeinden nicht mehr kirchlich gebunden und sozialisiert sind.

Workshopteilnehmer sitzen an den TischenRund 65 Menschen waren der Einladung zum sechsten Fachtag zur Sozialraumorientierung gefolgt. Klaus Landry

Kann Kirche neu Gestalt gewinnen für Menschen, die bisher noch keinen Kontakt zu einer Gemeinde haben? Dieser Frage ging der Impulsvortrag von Felix Goldinger, Referent für Katechese und missionarische Pastoral vom Bischöflichen Ordinariat Speyer nach. „Sozialraumorientierung – Chance und Motor einer diakonischen Kirchenentwicklung“, war der Titel seines Vortrags. Er fand die Antwort bei einer der vier Kundschafterreisen, die das Bistum Speyer in den Jahren 2016 und 2017 gemacht hat. „Ich war dabei bei der Reise nach England, wo wir bei einem Besuch der anglikanischen Kirche das Konzept FRESH X kennengelernt haben“, erzählte Felix Goldinger. FRESH X stehe für überraschende und neue Formen von Kirche. „Dabei geht es darum zu fragen, was ist unser Auftrag in der Kirche von heute? Was hat die Stadt davon, dass es uns hier gibt? Was ist eigentlich unsere Mission?“, erläuterte er den Ansatz. Dabei sage FRESH X, die Kirche selbst sei nicht die Mission, sondern Teil der Sendung. „Nicht die Kirche hat eine Mission, sondern der missionarische Gott hat eine Kirche“, fasste er den Grundgedanken zusammen. Daraus ergebe sich zwangsläufig eine Kirche, die dort hingehen muss, wo die Menschen sind. Dabei müsse man in der Reihenfolge Hören, Dienen, Verbinden, Berufen und Feiern vorgehen und der sozial-diakonische Fokus müsse auf gemeinwesen-orientiertem Engagement als zentraler geistiger Grundhaltung liegen. „Viele Katholiken hängen stark am Liturgischen und wenig am Diakonischen. Oft wird gesagt, das Diakonische, das macht doch die Caritas“, erzählte Goldinger. „Die KollegInnen der anglikanischen Kirche haben uns gesagt, um das Prinzip umzukehren und diese andere Kirche zu formen, dauert es sieben Jahre.“

Beispiele für eine Kirche nach dem FRESH X-Prinzip hatte er auch mitgebracht: „In ein Dorf mit schwacher Infrastruktur sind zwei Mitglieder der anglikanischen Kirche hingezogen und haben sich gefragt, was wohl Gott dort, in diesem kleinen Dorf, will.“ Es habe sich gezeigt, dass es ein Café war, ein Café, in dem es kostenloses Mittagessen, Kaffee und Kuchen und soziale Kontakte und Ansprache für die Gäste gab. „Man hat in dem Café auch keine Flyer über Gottesdienste oder Gebetsstunden ausgelegt, denn FRESH X, das ist einfach nur das Café. Das Feiern des Gottesdienstes, das steht nach dem Prinzip ganz am Ende.“

In Chemnitz habe eine methodistische Gemeinde eine Hausaufgabenbetreuung für Kinder entwickelt und versuche dort, die Prinzipien eines friedlichen Miteinanders zu vermitteln. „Und ein weiteres Beispiel aus England ist die Einrichtung eines Raumes für kostenlose Physiotherapie in einer Kirche, weil sich in der Stadt dort die Menschen die teure Behandlung, die nach einer Operation nötig war, nicht leisten konnten.“

Workshopteilnehmer tauschen sich in kleinen Gruppen ausDer Workshop „Von der Einzelkämpferin zur Netzwerkerin“ beschäftigte sich mit der Einrichtung eines Repair-Cafés als gelungenes Beispiel für ein sozialraum-orientiertes Projekt nach den Prinzipien von FRESH X. Klaus Landry

In Kleingruppen tauschten sich die 65 Besucher des Fachtages nach dem Vortrag darüber aus, was Sozialraumorientierung für Herausforderungen für die Praxis mit sich bringt. „Vom Experten zum Ermöglicher“, Vom Prinzip zur Haltung“, Von der Einzelkämpferin zur Netzwerkerin“, Von der Aufgabe zum Charisma“ und „Von der Einzelfallfürsorge zur Anwaltschaft“, waren die Titel der Workshops. „Wir sollten nicht immer nur darüber diskutieren, was alles hinderlich ist“, war das Fazit einer Teilnehmerin. „Die Menschen aus Caritas und Pastoral, die Lust darauf haben, sollen zusammen loslaufen, klein anfangen und auf Pfarreiebene kleine gemeinsame Projekte entwickeln.“ „Es braucht aber auch Freiräume dafür“, warf ein anderer ein; „dafür muss man etwas anderes aufgeben. Wir sind zu gut zu unseren sterbenden Themen. Man muss dann auch etwas einfach mal sterben lassen.“ Die pastoralen Teams seien zu sehr liturgisch-katechetisch unterwegs, das müsse sich radikal ändern.“

Viele Pfarreiräte seien von diesem Gedanken noch sehr weit weg. „Uns fehlt der pastorale Sozialarbeiter“, fassten Marius Wingerter und Christiane Arendt-Stein die Diskussion der Schlussrunde zusammen. 

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