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Stand: 30.07.2019

Pressemitteilung

„Wir haben alle unbewusste rassistische Reflexe in uns“

Martina GemmarCaritasverband für die Diözese Speyer

Diplom-Pädagogin Martina Gemmar ist Ansprechpartnerin des Projekts "Zusammenhalt durch Teilhabe - Gelebte Demokratie". Im Gespräch erläutert sie, welches Anliegen dahinter steht.

Beim Stichwort "Rassismus" denken viele: Das ist für uns ganz weit weg. Teilen Sie diese Sichtweise?

Martina Gemmar: Ich denke im Gegenteil, dass wir ein Stück weit leider alle rassistische Reflexe und Denkweisen in uns drin haben, weil wir damit unbewusst aufgewachsen sind. Es geht darum, sich dem zu stellen und diese zu reflektieren.

Wenn man bedenkt, wie lange das Problem Rassismus als Diskriminierungsform aufgrund rassistischer Konstruktionen schon bekannt ist, ist es schon Wahnsinn, dass wir erst seit ein paar Monaten wirklich in einer breiteren Öffentlichkeit beginnen, das anzugehen. Auch in den Medien. Und dass Betroffene zu Wort kommen dazu, was Alltagsrassismus mit ihnen macht. Und wo wir als Weiße oft uneingestandene Privilegien haben, zum Beispiel bei der Wohnungssuche oder bei der Arbeitssuche.

Wie kommt es eigentlich zu Ausgrenzung? Welche Gründe und Motive stehen dahinter?

Martina Gemmar: Vor Vorurteilen und Ausgrenzungsverhalten und -mechanismen sind wir alle nicht gefeit. Und oft stecken falsche Unterstellungen oder falsche Zuschreibungen aufgrund einzelner Merkmale dahinter. Ausgrenzung passiert dabei oft subtiler als man denkt. Natürlich möchte selten jemand offen aggressiv erscheinen - aber trotzdem kommt es immer wieder zu Verhaltensweisen, die Einzelne benachteiligen.

Wenn aufgrund von Merkmalen Menschen in Gruppen eingeordnet werden - zum Beispiel Menschen mit Behinderung, Arbeitslose, Wohnungslose, Geflüchtete, Menschen jüdischen oder muslimischen Glaubens, Homosexuelle usw. -und sie deshalb dann pauschale Zuschreibungen oder Abwertungen erfahren, sind wir im Bereich der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, abgekürzt GMF. Hier kommt dann oft eine subtile Grundannahme der Ungleichwertigkeit von Menschen zum Ausdruck. Das GMF- Syndrom zeigt die vielfältigen Diskriminierungsformen, die es gibt; manche trifft es gleich mehrfach, zum Beispiel kann eine Schwarze Frau sowohl von Rassismus als auch von Sexismus betroffen sein. Und gleichzeitig kann jemand in der einen Diskriminierungsform Opfer - und in der anderen Täter*in werden.

Was kann man Ausgrenzung entgegensetzen?

Martina Gemmar: Zuerst sich selbst und die eigenen Vorurteile und Reflexe im Blick behalten  und sich klarmachen, wo und wie überall Diskriminierung stattfinden kann, auch subtil. Machtstrukturen müssen hinterfragt werden.

Gleichzeitig sollte man auch immer schauen, was ein*e potentiell Betroffene*r gerade will und braucht, um nicht an ihr*ihm vorbei irgendetwas zu tun, was vielleicht dann kontraproduktiv ist. Ernstnehmen und Respekt vor der Perspektive von Betroffenen sind wichtig. Oft müssen wir den Mut und auch ein bisschen Geschick haben, um Dinge anzusprechen, die vielleicht in eine ungute Richtung zu laufen drohen. Dabei empfiehlt es sich, die Form der eigenen Reaktionen sehr zu differenzieren je nach Situation. Das kann man schon dadurch trainieren, indem man einfach mal ein paar verschiedene Situationen durchdenkt. Im Projekt haben wir auch dafür zum Beispiel Workshops entwickelt.

Man erreicht oft mehr, wenn man nicht gleich mit irgendeiner Keule daherkommt, sondern sehr genau kommuniziert, spiegelt, sodass allen auch Raum zum Reflektieren und etwas Zeit bleibt. Niemand verliert gern sein Gesicht - und manchmal sind die Dinge auch wirklich nicht ganz eindeutig.

Es gibt aber auch Fälle, wo es direkt darum geht, grenzverletzendes Verhalten klipp und klar zu benennen und einzudämmen. Am Ende hilft es immer auch, sich mit anderen auszutauschen, zu kooperieren und Synergien zu schaffen. Dazu wollen ja eben auch wir im Projekt "Zusammenhalt durch Teilhabe - Gelebte Demokratie" gemeinsam mit dem "Arbeitskreis Antirassismus und Diversität" beitragen - und sehen uns immer auch als Lernende. Im Projekt haben wir zum Beispiel auch selbst sehr viel gelernt durch die Teilnahme am Prozess für den Landesaktionsplan gegen Rassismus und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.

Weitere Informationen zum Online-Workshop "Antimuslimischer Rassismus?" am 26. Mai:

https://www.bistum-speyer.de/news/nachrichtenansicht/?no_cache=1&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23304&cHash=8e638e6657d4c30be4d8cd783a536f81

Weitere Informationen zum Projekt "Zusammenhalt durch Teilhabe - Gelebte Demokratie":

https://www.caritas-speyer.de/wir-ueber-uns/zusammenhalt-durch-teilhabe-gelebte-demokratie/zusammenhalt-durch-teilhabe-gelebte-demokratie

Weitere Informationen zum Arbeitskreis "Antirassismus und Diversität":

https://www.bistum-speyer.de/bistum/aufbau/raetekommissionen/ak-antirassismus/



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