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Stand: 30.07.2019

Pressemitteilung

„Wir sind aufgerufen, Zeichen zu setzen gegen Rechtsextremismus“

Auf der Bühne vier Musiker beim Konzert zum Abschluss der ersten Phase des Demokratie-Projektes und im Vordergrund ZuhörerWeltmusik in buntem Stilmix spielte “Elsa & der Viertelton” mit (von links) Samer Alhalabi, Peter Braun, Paul Reinig und Isabel Eichenlaub.Henning Wiechers / Caritasverband für die Diözese Speyer

Ein virtuos ausgeführter und eindrucksvoll gelungener musikalischer Brückenschlag über verschiedene Kulturräume hinweg, nachdenkliche und ermunternde Worte zu demokratischem Engagement und mündigem Miteinander, Dank für in den vergangenen zwei Jahren gewonnene Perspektiven und Gesprächsgrundlagen: Diese Elemente prägten den Konzertabend mit der Formation "Elsa & der Viertelton" zum Abschluss der ersten Phase im Projekt "Zusammenhalt durch Teilhabe - Gelebte Demokratie" des Caritasverbandes und der Katholischen Erwachsenenbildung in der Diözese Speyer am 13. November in Landau.

"Zusammenhalt - klingt gut!" war das Motto des Abends, zu dem Projektleiterein Martina Gemmar gemeinsam mit Projektmitarbeiterin Susanne Mayer-Stork die Gäste im Theatersaal des Jugendwerks St. Josef in Landau-Queichheim begrüßte. Das im Herbst 2017 in der Diözese Speyer gestartete Projekt wurde als Teil des Bundesprogramms "Zusammenhalt durch Teilhabe" vom Bundesinnenministerium und von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert. Vorwiegend Mitarbeiter, die in Einrichtungen der Caritas tätig sind, aber auch eine Reihe von weiteren Südpfälzern waren der Einladung zum Konzert von "Elsa & der Viertelton" gefolgt. Die Gruppe setzt sich aus den regionalen Folk-"Urgesteinen" Paul Reinig und Peter Braun, der Cellistin und Sängerin Isabel Eichenlaub sowie dem aus Syrien stammenden Oud-Spieler und Sänger Samer Alhalabi zusammen. Die Namensgeberin Elsa, das erfuhr das Publikum im Laufe des Abends, ist ein vierbeiniger Fan der Gruppe und ihr Maskottchen.

Besucher beim Abschlusskonzert des Demokratie-Projektes am 13.11.19Heben Stimmkarten als Antwort auf eine Frage der Moderatorin: Thomas Sartingen, ehemaliger Leiter der Katholischen Erwachsenenbildung der Diözese Speyer, Michael Gerst, Stabsstellenleiter Verbandswesen des Caritasverbandes und Bürgermeister Dr. Maximilian Ingenthron (vorn von links).Henning Wiechers / Caritasverband für die Diözese Speyer

Noch vor dem ersten Ton erläuterte Michael Gerst, Caritas-Stabsstellenleiter Verbandswesen, in seinem Grußwort noch einmal Hintergründe und Zielsetzungen des Projekts, für dessen Fortsetzung eine weitere Förderung beantragt sei. Es solle in der haupt- und ehrenamtlichen Arbeit für die Aufgaben der Caritas Chancen bieten, einen lebendigen und kritischen Demokratieprozess zu fördern. "Wir sind aufgerufen, Zeichen zu setzen gegen Rechtsextremismus", betonte Gerst.  Demokratie, die nicht nur eine politische Angelegenheit, sondern eine Lebensform sei, sei die einzige Staatsform, die gelernt werden müsse.

Deshalb wurde im Rahmen des Projekts Mitarbeitenden die Möglichkeit gegeben, sich zu "MentorInnen für Gesellschaftlichen Zusammenhalt" fortzubilden, um darauf fußend als MultiplikatorInnen zu wirken. Elf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Caritasverbandes hätten diese Qualifikation erworben und trügen die Erkenntnisse nun weiter in ihre Teams, in Workshops und Gremien in Einrichtungen und Schulen. Hinzu kamen weitere Veranstaltungen wie die sogenannten Coffee Stops an verschiedenen Standorten, bei denen einzelne Facetten des Themenkreises um Demokratie und Teilhabe in den Mittelpunkt gerückt wurden und die Haupt- und Ehrenamtlichen vor Ort etwa Vorträge hören und in lockerer Runde sich über die Themen austauschen konnten. Mit dem Projekt seien in über 20 Stunden rund 1500 Menschen erreicht worden, bilanzierte Gerst, der Gemmar und Mayer-Stork mit Blumensträußen für ihren engagierten und erfolgreichen Einsatz bei der Durchführung herzlich Dank sagte.

Die Bedeutung des Engagements für Demokratie und gegen Ausgrenzung und rechtes Gedankengut betonte auch der Landauer Bürgermeister Dr. Maximilian Ingenthron, der die Grüße des Oberbürgermeisters Thomas Hirsch mitbrachte, in seinen Worten an die Konzertbesucher. Noch unter dem Eindruck der wenige Tage zuvor erlebten Veranstaltungen zur Erinnerung an die Pogromnacht vor 81 Jahren und den Mauerfall vor 30 Jahren sowie des aktuellen Angriffs auf die Synagoge in Halle unterstrich er: "Es muss ein Ruck durch das Land gehen, damit das nicht mehr passieren kann!". Demokratie lebe von Menschen, "die sich einbringen, die das rüberbringen, dass man sich einsetzen muss". Denen, "die heute wieder schleichend ihr Gift versprühen, das Handwerk zu legen", sei eine Herausforderung, der es sich zu stellen gelte. "Dazu gibt es keine Alternative".

Dass Demokratie als Staatsform gelernt werden müsse, bekräftigte auch Thomas Sartingen, im Juli verabschiedeter ehemaliger Leiter der Katholischen Erwachsenenbildung, die Partner des Caritasverbandes für die Diözese Speyer im Projekt ist. Aufgrund einer immer komplexer erscheinenden Welt, in der es immer schwieriger werde, sich zurechtzufinden, neigten immer mehr Menschen dazu, "Leuten zuzuhören, die scheinbar einfache Antworten haben". Hier müsse Erwachsenenbildung ansetzen - und das geschehe im Projekt -, den Menschen Räume zu eröffnen, in denen sie sich auseinandersetzen könnten, und Angebote zur Auseinandersetzung zu machen, die Orientierung erlaubten. "Ich glaube, dass Demokratie nicht einfache Antworten zur Hand hat, sondern ich glaube, das ist etwas, das man sich erarbeiten und erkämpfen muss".

Mentoren berichten über ihre Tätigkeit im Rahmen des Demokratie-Projektes.Mentoren berichten im Gespräch mit Martina Gemmar von ihren Motivationen und Erfahrungen im Projekt: (von links) Nadja Franz, Ulrike Ebert-Wenski und Roman Kammer. Henning Wiechers / Caritasverband für die Diözese Speyer

Schließlich berichteten auch drei der elf im Projekt ausgebildeten "MentorInnen für Gesellschaftlichen Zusammenhalt" über ihr durch die Fortbildung gefördertes Engagement. Roman Kammer, Leiter der Migrations- und Integrationsberatung des Caritas-Zentrums Neustadt in der Außenstelle Bad Dürkheim, nannte hier zum Beispiel Einsätze in Fachkonferenzen und Bemühungen um die Etablierung gendergerechter Sprache im Arbeitsalltag. Ulrike Ebert-Wenski vom Caritas-Zentrum Kaiserslautern, aktiv in den Bereichen Suchtberatung, Migration und Integration hat, so ihr Bericht, unter anderem bei Intervisionen - also Beratungsrunden im KollegInnen-Kreis - das Problem der "Fake News" thematisiert und über rechtsradikale Gruppierungen informiert. Und Nadja Franz, Referentin für Bundesfreiwilligendienste im Caritasverband, aber auch, wie sie sagte, seit mehr als 15 Jahren im Bereich Migration und Flucht engagiert, hob hervor, wie wertvoll für sie der Austausch im Rahmen des Projekts gewesen sei und wie wichtig es ihr sei, angesichts etwa gesellschaftlicher Spaltung im Gespräch zu bleiben, die Gedanken "zu teilen und hinauszutragen: Es gibt nicht nur Schwarz-Weiß, es gibt viele Nuancen von Bunt".

Ein gutes Beispiel für die Nuancen von Bunt war denn auch der Hauptact des Abends: das Konzert. Zünftige mitteleuropäischer Folkmusik, hier repräsentiert durch Reinig und Braun, die ihren Gesang mit Gitarren, Cister, Mandoline, diatonischem Knopfakkordeon und auf der Darbuka getrommelten Rhythmen begleiteten, verband sich mit der Stimme und dem Cellospiel von Isabel Eichenlaub und dem überwiegend arabischen Gesang von Samer Alhalabi sowie dessen Oud-Spiel. Das konnte so leicht wie kunstvoll den Bogen vom urdeutschen "Muss i denn" zu dem in Ägypten 1919 von Sayed Darwish geschriebenen und in den 1970er Jahren durch Dalida bekannt gewordenen "Salma ya Salama" schlagen und dem mittelalterlich-minnesanglichen "Es saß ein klein Wildvögelein" eine temperamentvolle nahöstliche Bearbeitung zur Seite stellen.

Alhalabi stammt aus Syrien, studierte und spielte sein Instrument, die arabische Laute Oud in seiner Heimat in klassischen wie in Folklore-Orchestern, lehrte das Oud-Spiel. Heute lebt er in der Südpfalz, musiziert in verschiedenen Formationen und ist Caritas-Mitarbeiter. Fasziniert verfolgten die Zuhörer das Konzert der Vier, die unter anderem "Die Freiheit" von Georg Danzer, das in Palästina entstandene "Gebet der Mütter" und einen russischen Marsch, der zum libanesischen Liebeslied wurde, interpretierten. Und sie zollten begeistert Applaus.

Ein Lied wurde zur symbolischen Klammer, die den ganzen Abend umfasste: "Die Gedanken sind frei". Seine Verse zitierte schon Bürgermeister Ingenthron zu Beginn in seinem Grußwort, die Interpretation durch "Elsa & der Viertelton" war der Schlusspunkt des Abends, und kurz zuvor hatte es Projektleiterin Martina Gemmar, neben ihrer Tätigkeit als Diplom-Pädagogin auch als Sängerin und Songwriterin erfolgreich, in ihrer eigenen Version als Premiere vorgetragen: "Die Gedanken sind frei: Das ist mir zu wenig, denn meine Denkerei, die hört man doch eh nicht. Ich will auch was sagen und unbequem fragen, statt stets zu bleiben bei - die Gedanken sind frei".

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