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Stand: 30.07.2019

Pressemitteilung

„Helfen, eigene Fähigkeiten und Kompetenzen wieder zu entdecken“

Streetworker Michael JesslAls Streetworker kümmert sich Caritas-Mitarbeiter Michael Jessl im Auftrag der Stadt Landau um Menschen ohne Wohnung. Henning Wiechers / Caritasverband für die Diözese Speyer

In erster Linie gilt Michael Jessls Auftrag den Bewohnerinnen und Bewohnern der städtischen Obdachlosenunterkunft am Prießnitzweg. Derzeit wohnen rund 20 Menschen in der kleinen Containersiedlung nahe dem Landauer Freibad. Um hier vor Ort Hilfe und Begleitung bei der Bewältigung des Alltags anzubieten, wurde ihm von der Stadt ein Dienstzimmer in der Unterkunft bereitgestellt.

Seine Arbeit besteht zum einen in der praktischen Unterstützung der Bewohner. So geht es beispielsweise um die Erledigung von Formalitäten und nötigen Antragstellungen, Begleitung bei Behördengängen, Unterstützung im Umgang mit rechtlichen Problemen oder dabei, medizinische Versorgung in Anspruch zu nehmen.

Eigene Fähigkeiten und Kompetenzen (wieder)entdecken

Ein zweiter, ihm sehr wichtiger Anteil, ist es, gemeinsam nach Wegen zu suchen, die eine festere Einbindung in das gesellschaftliche Miteinander ermöglichen. "Ich möchte den Menschen dabei helfen,  ihre ,Teilgabe‘ zu finden  - eigene Fähigkeiten und Kompetenzen - wieder - zu entdecken", erklärt er. Denn, so der Gedanke dahinter, wer seine Begabungen, sein Geschick oder ein bestimmtes Können für andere einsetzen kann, bekommt dafür Anerkennung und Wertschätzung. Das wiederum könne schließlich dazu motivieren, auch die Veränderung der eigenen, oft als aussichtslos erlebten aktuellen Situation anzugehen. Jedoch kann den Menschen,  die durch schlimme Erfahrungen und Schicksalsschläge in ihrem Leben schließlich zu Obdachlosen wurden, das Bewusstsein der eigenen Fähigkeiten und der Mut zur Veränderung den Menschen, abhanden  gekommen sein und auch durch Zweifel und Ängste unterdrückt werden, erklärt Michael Jessl.

Kreativität und besondere Interessen wecken

Um diese verborgenen Schätze gemeinsam mit den Klienten zu finden, sei Voraussetzung, dass er ihnen als Partner auf Augenhöhe begegne. "Für mich ist es wichtig, dass ich den Menschen in seiner oft perspektivlosen und von Konflikten bestimmten Situation, so wie er ist und sein will, kennenlerne und wertschätze", erklärt er. Die Gespräche mit den Bewohnerinnen und Bewohnern lenke er daher oft auf deren Kreativität und besonderen Interessen. Vor Ort sein, Ansprechpartner sein, Vertrauen gewinnen und die Menschen näher kennenlernen, das brauche seine Zeit, und jetzt im zweiten Dienstmonat in Landau sei der Kennenlernprozess noch voll im Gange, berichtet der Streetworker.

Aber es gebe auch schon erste Ansätze dafür, gefundene Schätze zu heben: "Ein Bewohner hat ein äußerst kreatives ,Pälzer Mundwerk‘. Mit ihm gemeinsam könnte eine Spruchsammlung zusammengestellt werden und es könnte ein Comic-Zeichner mit ihm bekannt gemacht werden", kann Jessl sich vorstellen. Das Gemeinschaftsprodukt könnte dann einerseits andere Menschen zum Lachen bringen, Verständnis und Anerkennung für den Mundart-Autor bewirken und damit dessen Selbstwertgefühl stärken.

Weitere Projekte könnten etwa die Gestaltung des Außenbereiches der Unterkunft sein. In Futterstellen und Nistkästen für Vögel, Sitzbereichen für gemeinsame Gespräche oder Verschönerungsarbeiten sieht Jessl Projektpotenzial. Wichtig sei, dass es den Teilnehmern dabei leicht falle, mitzumachen und sie Interessiert seien - ebenso wie, dass der Einsatz ihnen Freude bereite und dass Fehler gemacht werden dürften.

Menschen zusammenbringen

Ansprechen möchte er aber nicht nur Menschen, die in Not geraten sind, sondern auch Menschen, denen es besser geht und die bereit sind, mitanzupacken. Menschen zusammenbringen, zwischenmenschliche Erfahrungen schaffen "so, dass sich alle daran erinnern und hautnah spüren, wie wertvoll es ist, sich für sich selbst und für andere einzusetzen". Die Herzlichkeit der Landauer Bürgerinnen und Bürger, die er bereits erfahren habe, sei sicher eine große Ressource für die Bewältigung sozialer Herausforderungen, wie sie die Konfrontation mit Wohnungsnot und prekären sozialen Lebenslagen darstelle.

Jessl sieht daher "tolle Handlungsansätze", die über die Einzelfallhilfen hinausgehend unter dem Ansatz der Sozialraumorientierung den Blick auf die Verbesserung der Lebensbedingungen aller Menschen im Stadtteil richtet, und der Gemeinwesenarbeit, die diese Verbesserungen dann in gemeinsamen Anstrengungen der Menschen im Stadtteil umsetzt.

Im Auftrag der Stadt Landau

Zunächst auf ein Jahr befristet finanziert die Stadt Landau das Streetworker-Projekt, für das sie dem Caritas-Zentrum Landau den Auftrag erteilt hat. Leiterin Elisabeth Traunmüller sieht die Vergabe des Auftrags als Würdigung der Kompetenz, die das Caritas-Zentrum Landau im Bereich der Wohnungslosenhilfe hat. Für Menschen in solchen Notsituationen setzt sich die Allgemeine Sozialberatung schon seit Jahren ein und ist Ansprechpartner für einen großen Kreis an Menschen, die über die Bewohner der städtischen Obdachlosenunterkunft hinausgehen. ElisabethTraunmüller hofft wie auch Michael Jessl auf Verlängerung des Auftrags über das erste Jahr hinaus, damit die Früchte des jetzt Begonnenen auch reifen können.

Mit Jessl sei, bekundet Traunmüller, "genau der Richtige" für die Aufgabe gefunden worden. Denn der 35-Jährige bringe neben der fachlichen Kompetenz auch eine Lebenserfahrung mit, die ihm einerseits für den Zugang zu seinen Klienten wertvolle Dienste leisten könne und ihn andererseits für den Umgang mit wechselnden Erfolgen in der Arbeit rüste. Jessl ist in Pirmasens geboren und bringt von dort Erfahrungen mit Menschen in wirtschaftlichen Notlagen mit.

Soziales Engagement schon früh begonnen

Die Neigung, sich sozial zu engagieren, habe sich bei ihm früh eingestellt, erzählt er. Aber zum Beruf machte er zunächst ein Handwerk. Als gelernter Maschinenbauer arbeitete er in einem größeren Südpfälzer Betrieb, bis er sich schließlich mit Anfang 30 entschloss, sich professionell der Sozialarbeit zu widmen. Mit der in Kaiserslautern erworben Fachhochschulreife konnte er schließlich das Studium der Sozialen Arbeit absolvieren. Nach dem Abschluss arbeitete er im Pirmasenser Nardinihaus mit Jugendlichen, bis er sich auf die Stelle in Landau bewarb. Einblicke in eine fundierte Wohnungslosenhilfe konnte Jessl im Caritas-Förderzentrum St. Christophorus in Kaiserslautern gewinnen. Im Landauer Hilfenetzwerk hat er sich an verschiedenen für seine Aufgabe relevanten Stellen wie Sozialamt, Polizei und Suchthilfe vorgestellt und gründlich informiert. "Alle waren sehr kooperativ und offen", lobt er - und seinen Kolleginnen und Kollegen im Caritasverband stellt er ein besonderes Zeugnis aus: "Das hier vorhandene Know-how ist unglaublich, das Team fantastisch - für mich ist das ein Jackpot".

Text und Bilder: Henning Wiechers für den Caritasverband für die Diözese Speyer

 

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