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Stand: 02.02.2015

Pressemitteilung

Von den Spielen bis zum Endspiel (1936-1954)

81-jähriger Bewohner des Caritas-Altenzentrums St. Elisabeth schreibt ein Buch

Es ist nicht unbedingt eine schöne Geschichte, aber eine sehr interessante. Dieter Marz (81), Bewohner des Caritas Altenzentrums St. Elisabeth, hat seine Kindheit und Jugend während der Nazizeit und der Nachkriegszeit aufgeschrieben und mit 35 bunten Zeichnungen selbst illustriert. Nun ist das kleine Büchlein fertig und soll anderen Senioren Mut machen, ebenfalls aus ihrem Leben  zu erzählen und Schülern aufzeigen, unter welchen Bedingungen ihre Großeltern oder Urgroßeltern aufgewachsen sind.

Die Stadt Germersheim hat 100 Exemplare davon herstellen lassen, der Verein Interkultur weitere 150 Exemplare. Sie werden nun an Schulen und Seniorenheime verschickt und können beim Verein Interkultur bestellt werden. Das Büchlein kostet nichts, Dieter Marz würde sich aber sehr über eine Spende für das Hippy-Projekt des Kinderschutzbundes Germersheim freuen.

81-jähriger Bewohner des Caritas-Altenzentrums St. Elisabeth schreibt ein Buch

Dieter Marz hat schon immer gerne gemalt. Die Wände seines Zimmers im Altenzentrum hängen voller Bilder. Das hat Anthony Tranter-Krstev beeindruckt. Der gebürtige Engländer, der sich auch im Verein Interkultur engagiert, besucht Dieter Marz seit zwei Jahren regelmäßig im Altenzentrum. „Warum schreiben die deutschen Senioren eigentlich ihre Kindheit nicht auf? Bei uns in England ist das üblich“, fragte er sich seit längerem. Er hat Dieter Marz dazu animiert, seine Kindheit in Worten und Bildern festzuhalten und die handschriftlichen Manuskripte und Bilder des Seniors zu einem Buch zusammengestellt. Vom Ergebnis war er selbst überrascht. „Unglaublich, was Dieter Marz alles erlebt hat“, sagt er. Bürgermeister Marcus Schaile war ebenfalls beeindruckt und beschloss die Finanzierung der Bücher zu unterstützen.

81-jähriger Bewohner des Caritas-Altenzentrums St. Elisabeth schreibt ein BuchDie Leiterin des Caritas-Altenzentrums St. Elisabeth Annette Schenk, Bewohner Dieter Marz, Mitarbeiterin Kirstin Fischer, Anthony Tranter-Krstev vom Verein Inter-kultur und Bürgermeister Marcus Schaile – zusammen haben sie das Buch von Dieter Marz möglich gemacht. Geschrieben und illustriert hat es der 81-Jährige nach dem Zuspruch von Anthony Tranter-Krstev. Christine Kraus

Dieter Marz wurde am 13. Juli 1936, während Adolf Hitler die olympischen Spiele in Berlin eröffnete, als siebtes von neun Kindern einer Jockgrimer Familie geboren. Das erste einschneidende Erlebnis in seinem Leben war ein Schlittenunfall im Alter von vier Jahren. „Ich habe die ganze Nacht durch geschrien“, erinnert er sich heute noch. Vier Wochen verbrachte er daraufhin im Krankenhaus, wo er auf Kinderlähmung und Rheuma behandelt wurde und später wieder laufen lernen musste. Er beschreibt, wie der Krieg langsam in sein Heimatdorf Jockgrim kam, von Jagdbombern, die das Gefangenenlager im Ort zerbombten. Eine Brandbombe fiel auf das Haus der Familie Marz, explodierte aber nicht, so dass Dieters Bruder Gerhard sie vom Dach holten konnte. Im Alter von acht Jahren wurde Dieter Marz von Splittern eines explodierten Flakgeschosses getroffen und kam wieder ins Krankenhaus. Auf einem Bild hat er festgehalten, wie er zwischen schwerverletzten Soldaten im Bett lag. Er berichtete von der Bombardierung der Ziegelei in Jockgrim, bei der auch eine Mutter von 12 Kindern ums Leben kam.

81-jähriger Bewohner des Caritas-Altenzentrums St. Elisabeth schreibt ein Buch

Kurz vor Weihnachten 1944 beschlossen die Eltern, die Heimat mit den vier jüngsten Kindern zu verlassen. Auf einer abenteuerlichen Zugfahrt kamen sie auf Vermittlung einer Tante nach Hindelang Bad Oberdorf im Allgäu, wo sie von der Frau von Rudolf Hess empfangen wurden. Dieter Marz wohnte zusammen mit deren Sohn Rüdiger Hess. Seine Schwester war im Zimmer von Putzi, der ältesten Tochter von Joseph Goebbels untergebracht. Erst Tage später erfuhr Dieter Marz, wer diese Menschen waren.  Erschreckend war später die Begegnung mit Martin Bormann, der mit dem Auto kam und die zwölfjährige Tochter von Goebbels nach Berlin abholte, wo sie Monate später vergiftet wurde. Dieter Marz beschreibt auch die Heimfahrt in die geliebte Pfalz in einem dreirädrigen Auto. „Endlich konnten wir wieder richtig schlafen“, schreibt Marz. Er erzählt weiter von dem Schicksal der Familie nach dem Krieg, der Kinderarbeit in der Ziegelei, dem Zusammenbruch des Vaters, der sich in den letzten Kriegsjahren vor den Nazis versteckt hatte. Das Büchlein endet mit der Fußballweltmeisterschaft in dem Jahr, in dem Dieter Marz 18 Jahre alt wurde.

Wie geht es weiter? „Vielleicht schreibe ich das auch noch auf“, sagt Dieter Marz. Die ersten handgeschriebenen Seiten hat er Anthony Tranter-Krstev schon gegeben. Aber ob das nochmal so interessant wie die Kindheit wird, weiß er nicht. Die Kindheitserlebnisse hätten ihn und seine Geschwister schließlich ihr ganzes Leben beschäftigt.

81-jähriger Bewohner des Caritas-Altenzentrums St. Elisabeth schreibt ein BuchMit solchen Zeichnungen hat Dieter Marz seine Erinnerungen zu Papier gebracht.

Es war nicht das erste Buch, das Dieter Marz geschrieben hat. Der 81-jährige ist über sein großes Hobby, das Malen, zum Schreiben gekommen. Vor einigen Jahren hat er die Gedichte eines Bekannten mit Bildern illustriert. Das fertige Büchlein hätte er gerne einem Verlag geschickt, der Autor wollte davon aber nichts wissen. „Dann muss ich eben selber etwas schreiben“, sagte sich Dieter Marz und schrieb unter anderem ein Kinderbuch über Kaiser Konstantin mit vielen Bildern, das er im Eigenverlag herausgegeben hat.

Das Büchlein von Dieter Marz „Von den Spielen bis zum Endspiel“ gibt es kostenlos bei Antony Tranter-Krstev. Kontakt: tonytranter@aol.com oder 07274 / 6190. Dem Büchlein liegt ein Überweisungsträger bei.

 

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