Caritasverband für die Diözese Speyer
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Diskussionsveranstaltung zum Thema Obdachlosigkeit im 42kaiserslautern
Das 42kaiserslautern präsentiert zum ersten Mal in Rheinland-Pfalz das mit dem „Best of Education“ ausgezeichnete VR-Erlebnis UNHOME. Aus diesem Anlass hatte das Innovationszentrum am 4. Februar zu einer offenen Diskussionsveranstaltung rund um das Thema Obdachlosigkeit eingeladen. Gemeinsam mit zwei Fachkräften des Caritas-Förderzentrums St. Christophorus und der Sozialdezernentin der Stadt Kaiserslautern, Anja Pfeiffer, wurde die Situation obdachloser Menschen in Kaiserslautern unter verschiedenen Aspekten beleuchtet
Antje Boerner, Ausstellungskuratorin des 42, moderierte den Abend. „Seit Mitte Januar bieten wir Workshops für Jugendliche an, in denen sie mittels des Virtual Reality-Erlebnisses UNHOME in die Position eines obdachlosen Menschen schlüpfen können“, so Boerner. Ziel sei es, einen Perspektivwechsel vorzunehmen und das Verständnis für die Betroffenen zu stärken. Vor allem Schulen nähmen das Angebot wahr. „Bis jetzt haben es 300 Schüler und Schülerinnen genutzt und Zettel mit Statements hinterlassen. Begleitet werden die Workshops von Mitarbeitenden des Caritas-Förderzentrums St. Christophorus, um Antworten aus kompetenter Hand zu geben. Auch heute Abend werden sie uns lebensnahe Einblicke in die Praxis geben, über Ursachen der Obdachlosigkeit und Hilfsangebote informieren“, sagte Boerner und leitete zu Carolin Koppenhöfer über, zuständig für das Kundenmanagement in der Wohnungsloseneinrichtung.
„Es gibt viele Gründe, obdach- oder wohnungslos zu werden: Jobverlust, Trennung, Krankheit, Schulden oder Sucht. Manchmal kommen mehrere Faktoren zusammen“, erklärte sie. „Wer uns aufsucht, dem bieten wir mehr als ein Bett. Wir ordnen die Probleme gemeinsam, machen Angebote, die helfen sollen, die Armutsspirale zu durchbrechen“, sagte Koppenhöfer und berichtete von einem Kunden, der nach dem Tod seiner Partnerin so mitgenommen war, dass er nicht mehr arbeiten konnte und dadurch alles verloren hat. Zehn Jahre habe er auf der Straße gelebt und sei rastlos durch Deutschland gezogen.
Koppenhöfer erzählte: „Irgendwann kam er nach Kaiserslautern. In unserem Haus hat er immer nur eine Nacht verbracht, ansonsten im Wald gelebt. Bis er sich beim Feuermachen so schwer verletzt hat, dass er medizinische Versorgung brauchte. Danach war er bereit, unsere Hilfe anzunehmen, Bürgergeld zu beantragen und Schritte aus der Obdachlosigkeit zu machen.“
Über Wohnungslose und Obdachlose gibt es viele Vorurteile
Samira Wellnitz, Bereichsleiterin der Wohnungslosenhilfe im Caritas-Förderzentrum St. Christophorus, beleuchtete das Problem von einer weiteren Seite: „Die Vorurteile gegenüber obdachlosen Menschen sind groß. Sie seien selbst schuld, sagen die einen, und sie sollen arbeiten statt Alkohol zu trinken. Andere behaupten, in Deutschland müsse niemand auf der Straße leben. Kaum einer macht sich die Mühe, die wahren Gründe zu erfahren.“ Viele Betroffene hätten so viele Probleme, dass sie nicht wüssten, wo sie anfangen sollen und wie gelähmt seien. Außerdem falle es den meisten schwer, um Hilfe zu bitten, weil das Thema hochgradig schambesetzt sei. „Es ist ein Teufelskreis. Ohne Geld und eine Adresse gibt es zum Beispiel keinen Personalausweis. Deshalb treten wir auch schon mal in Vorkasse und bieten mit unserem Haus eine Postadresse. Die Betroffenen müssen dann zweimal in der Woche kommen und ihre Post abholen. Es ist auch möglich, vom Jobcenter ein Darlehen zu bekommen, was allerdings die Wenigsten wissen.“ Um den Kunden, die in St. Christophorus untergekommen sind, wieder eine Tagesstruktur zu geben und sie an Arbeit heranzuführen, können sie in der Kleiderkammer, der Küche oder auf dem Bauernhof in Trippstadt mitarbeiten.
Zahl der Obdachlosen in Deutschland erreicht einen Höchststand
2024 habe Deutschland mit 500.000 bis einer Million Obdachlosen einen Höchststand erreicht, wobei die Dunkelziffer sicher erheblich sei. Mit ein Grund sei der zunehmende Mangel an bezahlbarem Wohnraum, führte Antje Boerner an. „Das ist auch bei uns ein großes Thema. Die Probleme sind so vielfältig, dass wir sie alleine nicht lösen können. Deshalb sind wir froh, dass wir Partner an der Seite haben“, sagte die Sozialdezernentin der Stadt Kaiserslautern,Anja Pfeiffer. Sie verwies neben St. Christophorus auch auf die „Glockestubb“, in der es für einen Euro Essen gibt, kostenlos geduscht und Wäsche gewaschen werden kann sowie auf andere Essensausgabe-Stellen, Sozialberatungs-Angebote in den Brennpunkten Asternweg und Slevogtstraße, und auf das Projekt „S[ch]ichtWechsel Kaiserslautern“. Dies hilft Männern im Alter von 18 bis 35 Jahren niederschwellig bei der Integration in den Arbeitsmarkt und bei der Wohnungssuche.
Zudem gebe es seit 2022 das Clearinghaus der Stadt Kaiserslautern, das vom Arbeits- und sozialpädagogischen Zentrum (ASZ) betreut wird und einen ganzheitlichen Ansatz verfolge. „Es verfügt über 43 verschieden große Apartments, in denen Menschen, die von Wohnungsverlust bedroht oder betroffen sind, für sechs Monate unterkommen können. Sie werden durch Fachkräfte betreut und dabei unterstützt, ihre Probleme zu klären und eine eigene Wohnung zu finden.“
Allerdings sei es wichtig, dass die Betroffenen bei all den Hilfeangeboten mitwirken, sind sich die drei Expertinnen einig. „Sie müssen es wollen, sonst nutzt unsere ganze Arbeit nichts. Letztendlich ist jeder für sich selbst verantwortlich“, bestätigte Carolin Koppenhöfer. „Und manchmal stoßen wir mit den vorhandenen Möglichkeiten auch an Grenzen.“
Gäste diskutieren über ein Bettelverbot in der Innenstadt
Bei der anschließenden Fragerunde, zu der die Gäste eingeladen waren, sorgte ein Thema für Kontroversen. Im Fokus stand der Antrag, eine Bettelverbotszone in der Kaiserslauterer Innenstadt einzuführen, den die CDU in die Stadtratssitzung eingebracht hatte. Hintergrund seien Beschwerden von Bürgern und Bürgerinnen über das aggressive und fordernde Vorgehen von Bettelnden, erklärte Anja Pfeiffer (CDU). „Es geht dabei nicht um Bettler, die mit einem Hut oder Becher da sitzen und ruhig darauf warten, dass ihnen jemand etwas gibt“, so Pfeiffer. „Aber es gibt halt auch Bettler, die organisierten, teils sogar kriminellen Gruppen angehören.“ Ihnen wolle man keinen Raum mehr gewähren. Die Einführung einer Bettelverbotszone werde derzeit von der Stadt geprüft.
Mit dem Schlusswort von Antje Boerner, dass Obdachlosigkeit auch in Kaiserslautern immer sichtbarer werde und sich in einem ständigen Wandel befinde, ging die Veranstaltung zu Ende. Sichtlich bewegt von den Informationen und tieferen Einblicken in das Thema standen die viele Besucher anschließend noch in Grüppchen zusammen, um sich über das Erfahrene auszutauschen.
Text und Fotos: Friederike Jung