Caritasverband für die Diözese Speyer
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Mit Unterstützung zum Abi: Wie Schulassistenz einer autistischen Schülerin den Weg ebnete
Hermine B. hat gerade das Abitur bestanden. Sie ist sehr intelligent und sehr gebildet, doch damit allein hätte sie das Abi nicht geschafft. Sie hat eine Behinderung. Nur dank einer Schulassistentin hat sie es geschafft, ihr Wissen und Können im Unterricht und in den Prüfungen einzusetzen.
„Ich bin behindert, aber das sieht man mir nicht an“, sagt Hermine im Gespräch. Noch in ihrer Grundschulzeit wurde sie von psychiatrischen Fachärzten untersucht und als Autistin diagnostiziert. Autismus ist keine Krankheit oder Störung im engeren Sinn. Es ist eine besondere Art seine Umgebung wahrzunehmen und Sinnesreize, Informationen und Emotionen zu verarbeiten. Diese Besonderheiten zeigen sich im Verhalten. Weil es ganz unterschiedliche Fähigkeiten und Einschränkungen gibt, spricht die Fachwelt heute von einem „autistischen Spektrum“, um Verschiedenheit und Stärke der Besonderheiten einzuordnen. Autismus gehört zur Persönlichkeit eines Menschen und kann nicht wie eine körperliche oder seelische Erkrankung therapiert werden.
Hermine interessiert sich besonders für Literatur, Geschichte und Politik. In diesen Themenbereichen weiß sie sehr viel – weit mehr als die meisten ihrer Altersgenossen. Andere Fächer, wie etwa Mathematik, fallen ihr dagegen schwer. Für Autisten ist es schwieriger, ihre Aufmerksamkeit und Konzentration bewusst zu kontrollieren. Hermine sagt zu ihrem Schulalltag: „Ich war entweder unterfordert und habe mich gelangweilt, oder ich war überfordert und deshalb gestresst.“
Viele autistische Persönlichkeiten verstehen Sprache eher wörtlich oder nach strengeren logischen Kriterien als im Alltag üblich. Etwas, das nur gemeint, aber nicht ausdrücklich formuliert ist, kommt bei ihnen nicht an. In der Schule bedeutet das, dass Aufgaben für sie besonders präzise und eindeutig formuliert sein müssen. Um es am Beispiel anschaulich zu machen: Auf die Frage „Kannst Du beschreiben, warum Napoleons Russlandfeldzug gescheitert ist?“, könnte jemand wie Hermine sagen „Ja, kann ich“. Damit wäre die Frage für sie korrekt und vollständig beantwortet. Umgangssprachlich erwartet, ist aber die Erklärung für Napoleons Scheitern.
Die Schulassistenz als Brücke
Diese besonderen und manchmal ungewöhnlich wirkenden Einschränkungen stellen im Schulalltag auch die Lehrer vor Herausforderungen. Um hier Brücken zu bauen, hatte Hermine in der Schule die Schulassistentin Doreen Burckhart an ihrer Seite. „Ich bin eine Art Dolmetscherin zwischen Hermine, den Lehrern und den Schülern“, sagt die pädagogische Fachkraft, die beim Fachdienst für Inklusionspädagogik des Caritas-Förderzentrums St. Laurentius und Paulus in Landau arbeitet. Sie hat nicht nur Hermine geholfen: Auch die Lehrer brauchen Unterstützung dabei, die besonderen Bedürfnisse zu verstehen. Und für die Lehrer bedeutet das auch mehr Arbeit. „Ich bin sehr froh und dankbar, dass das mit meinen Lehrern so gut geklappt hat“, sagt Hermine.
Das bestätigen auch die Schulassistentin und Hermines Mutter Melanie L. Auch bei den Abiturprüfungen war Doreen Burkhart an Hermines Seite. Nicht um ihr fehlendes Wissen nachzureichen, das hätten die anwesenden Lehrer unterbunden. Aber Hermine hat kein Zeitgefühl, kann sich das schriftliche Beantworten einer Aufgabe nicht selbst einteilen und könnte sich in unwichtigen Details verlieren. „Ich sage dann nur 'Du solltest jetzt von der Einleitung zum Hauptteil kommen' oder später 'Es wird Zeit, den Schlussteil zu formulieren'.“
Klischees und Missverständnisse über Autismus
Auch im sozialen Miteinander können Autisten auf Unverständnis, oft sogar Ablehnung stoßen. „Wenn die Klasse Quiz gespielt hat, war ich immer der Joker, aber zu Partys und Geburtstagen wurde ich nicht eingeladen“, sagt Hermine. Dass sie ausgegrenzt wurde und das vielleicht auch im weiteren Leben wird, ist ihr klar. Und das muss sie emotional bewältigen. „Wir besprechen negative Erlebnisse und die damit verbundenen Gefühle“, sagt Doreen Burckhart.
In der Öffentlichkeit ist das Verständnis für Autismus sehr begrenzt. In Sozialen Medien ist es geradezu in Mode, sich als „neuro-divergent“ vorzustellen – selbst wenn es keine Diagnose von Fachärzten gibt. Die veraltete Bezeichnung „Asperger-Syndrom“ muss dann herhalten als Erklärung für schlechtes Benehmen, oder als vermeintliche Superkraft mit übermenschlichen Fähigkeiten. „Superkraft ist ein blödes Wort, denn von einer Superkraft haben die Betroffenen Vorteile. Ich habe von meinem Autismus aber keine Vorteile“, sagt Hermine.
Leider ist das Verständnis für Autismus bei Politik und Verwaltung auch sehr begrenzt. Denn es soll der Rotstift bei Schulassistenzen angesetzt werden. „Wir haben wirklich Angst um die Zukunft unserer Angebote“, sagt Sarah Kupper, eine der Leiterinnen des Fachdienstes für Inklusionspädagogik des Caritas-Förderzentrums. In Hamburg seien mit einem Federstrich alle Schulassistenzen abgeschafft worden. In Rheinland-Pfalz gebe es Überlegungen, die Einzelfallbetreuung abzuschaffen und einer Schulassistenz mehrere Kinder zuzuteilen. „Das ist in der Praxis völlig unmöglich“, sagt Kupper. Das bestätigt Doreen Burckhart. „Wie soll ich denn mehrere Kinder gleichzeitig begleiten, wenn sie Klassenarbeit schreiben, oder wie soll ich ihnen bei den Hausaufgaben helfen?“ fragt die Pädagogin. Schulassistenz bedeute auch, einen vertrauensvollen zwischenmenschlichen Kontakt aufzubauen und zu pflegen. Das nimmt den ganzen Menschen in Anspruch. „Man ist mit einer Eins-zu-Eins Betreuung wirklich ausgelastet“, sagt Burckhart.
Hilfe nur nach sorgfältiger Prüfung
Bei den Fachleuten der Caritas ist der Bedarf an Schul- und Kita-Assistenzen klar erkennbar. Beim Fachdienst arbeiten 20 pädagogische Fachkräfte und 40 weitere geschulte Kräfte. Schul- und Kita-Assistenzen werden von den zuständigen Ämtern keineswegs leichtfertig vergeben. Es muss eine fachärztliche Diagnose und Prognose vorliegen, der Antrag auf Unterstützung ist umfangreich und muss gut begründet sein. Erst dann kann das Jugendamt, bei Erwachsenen das Arbeitsamt, eine Schul- oder Kita-Assistenz bewilligen und finanzieren. Und dann fordern die Behörden regelmäßige Berichte und Anträge zur Fortsetzung der Unterstützung.
Das bestandene Abitur war ein großes Ereignis – nicht nur für Hermine, auch für Doreen Burckhart und natürlich auch Mutter Melanie. Und der ganze Fachdienst des Caritas-Förderzentrums hat sich mit ihr gefreut. Hermine wird jetzt ein Freiwilliges Soziales Jahr leisten, soweit nötig wieder mit Unterstützung ihrer Schulassistentin. Sie wird in Bad Bergzabern im Haus der Familie des Diakonischen Werks mitarbeiten und dort das Projekt „Die Mahlzeit“ unterstützen. Dort bekommen bedürftige Menschen nicht nur etwas zu Essen, sondern auch in verschiedenen Treffs und Cafés soziale Kontakte, Unterhaltung und mehr. Hermines Mutter Melanie ist überzeugt, dass ihre Tochter dort eine besondere Eigenart gut einsetzen kann: „Hermine ist sozusagen blind für den sozialen Status eines Menschen. Egal wie jemand aussieht oder auftritt, für sie sind alle Menschen auf gleicher Höhe“, sagt sie. Und das ist im Grunde genau die Idee von Gleichberechtigung und Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben.
Text und Fotos: Gereon Hoffmann für den Caritasverband für die Diözese Speyer