Caritasverband für die Diözese Speyer
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Sabine Henke-John geht nach 26 Jahren in den Ruhestand
„Ich wollte immer hinter das Offensichtliche schauen. Menschen haben ganz unterschiedliche seelische Beeinträchtigungen, vielfältige Biographien mit individuellen Schicksalen und ganz verschiedene Lebensentwürfe.“ So beschreibt Sabine Henke-John die Motivation, die sie während ihrer gesamten beruflichen Laufbahn angetrieben hat. 26 Jahre lang leitete sie das Caritas-Förderzentrum St. Lukas, eine Einrichtung für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Nun geht sie in den Ruhestand.
„Nach mehr als zwei Jahrzehnten ist ein Abschied nicht nur ein Abschied – er ist auch ein Zurückblicken und ein Nach-vorn-Schauen“, sagt sie. „Was mir als Erstes in den Sinn kommt, sind nicht Zahlen, Konzepte oder Projekte. Es sind die Menschen. Die vielen Begegnungen, die Gespräche, die gemeinsamen Wege – die leichten und die schweren.“
Das Caritas-Förderzentrum St. Lukas bietet 37 stationäre Plätze. 20 KundInnen besuchen das Angebot der Tagesstruktur, und rund 40 Menschen erhalten aufsuchende Assistenzleistungen in ihrer eigenen Wohnung. Insgesamt arbeiten 48 Mitarbeitende im Förderzentrum.
Im Jahr 2020 haben wir unser Angebot im Bereich Forensik ausgebaut. „Da begleiten wir bis zu acht Personen, die unter einer Psychose straffällig geworden sind“, erklärt Henke-John. „Diese KundInnen kommen aus dem Maßregelvollzug großer forensischer Fachkliniken zu uns, wenn sie eine gute Prognose haben und als ungefährlich gelten.“ Die Betroffenen werden in der Regel fünf Jahre lang auf ihrem Weg zurück in die Freiheit begleitet.
Beim Rückblick auf ihre 26 Jahre Arbeit fällt Henke-John vor allem der Paradigmenwechsel im Umgang mit psychischen Erkrankungen auf. „Als ich angefangen habe, blieben PatientInnen oft monatelang, manchmal sogar jahrelang, in den großen Fachkliniken. Langlieger nannte man sie“, erinnert sie sich. „Dann kam die Psychiatriereform mit dem Anspruch der gemeindenahen Versorgung. Die Menschen sollten möglichst nah an ihrem Zuhause unterstützt und auch behandelt werden. Weg von der Separierung, hin zu Teilhabe und Inklusion.“
Heute wird viel dafür getan, stationäre Aufenthalte zu vermeiden. Betroffene sollen möglichst in ihrem Zuhause bleiben können. „Natürlich gibt es weiterhin Menschen, die schon Jahrzehnte in der Einrichtung leben. Aber viele finden auch wieder den Weg zurück in die Arbeitswelt und in ein eigenes Appartement.“ Ihr Anspruch war es immer, jede Person in ihrer Entwicklung und Selbstständigkeit zu unterstützen. „Vielen ist das nicht bewusst, aber etwa ein bis zwei Prozent der Weltbevölkerung erkrankt im Laufe des Lebens mindestens einmal an einer Psychose. Dabei sind alle Menschen gleichermaßen betroffen – alle sozialen Schichten, alle Altersgruppen, alle Geschlechter“, betont sie.
Die häufigsten Diagnosen in der Wohneinrichtung sind paranoide Schizophrenie, gefolgt von schizo-affektiven Psychosen, Borderline-Störungen und bipolaren Störungen. Das Geschlechterverhältnis liegt bei etwa zwei Dritteln Männern zu einem Drittel Frauen.
Henke-John war es stets wichtig, das Förderzentrum mit seinen vielen dezentralen Wohnplätzen gut in die Nachbarschaft zu integrieren. „Das hat auch immer funktioniert, mit engagiertem Einsatz und unserer Präsenz vor Ort. Gerade wenn Kunden in psychische Krisen geraten, kann das sehr irritierend und teilweise auch störend sein, wenn beispielsweise der Tag-Nacht-Rhythmus verschoben ist. Dafür gelte es dann gute Lösungen für alle zu finden, und Konflikte sozialverträglich zu entschärfen. Trotz dieser Herausforderungen sei St. Lukas immer ein vertrauenswürdiger Partner im Stadtviertel und gegenüber den Kommunen gewesen.
Positiv bewertet Henke-John, dass Hilfen heute durchlässiger und individueller geworden sind. „Die Übergänge zwischen den Unterstützungssystemen sind einfacher geworden. Ich finde, wir haben viel erreicht für unsere Kundinnen, indem wir uns frühzeitig in Kaiserslautern auf den Weg gemacht haben, ein Umdenken in der Gesellschaft anzustoßen und die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung in der Region zu verbessern. Seelisch beeinträchtigte Menschen haben inzwischen eine größere Lobby und Akzeptanz in der Gesellschaft.“ Gleichzeitig warnt sie vor möglichen Rückschritten: „Die aktuelle Sozialstaatsdebatte zeigt, dass Menschen mit Unterstützungsbedarf gegeneinander ausgespielt werden. Präventive Angebote könnten dadurch wieder weniger erreichbar werden.“
Dennoch zieht Sabine Henke-John eine positive Bilanz: „Unsere Arbeit ist oft leise, passiert nicht immer im Rampenlicht – aber ihre Wirkung ist groß. Was diese Einrichtung trägt, sind die Menschen, die hier jeden Tag mit Engagement, Optimismus und großer Fachlichkeit wirken.“ Mit diesem Rückhalt übergibt sie Alexander Graf, den sie als sehr engagierten und äußerst kompetenten Kollegen schätzt, eine gut aufgestellte Einrichtung, bereit für die kommenden Aufgaben und für die Zukunft.
„Erstmal habe ich keine konkreten Pläne“, sagt sie über den Ruhestand. „Vollkommen entspannen und schauen, was kommt. Ich habe gehört, das nennt man Freiheit.“
Text: Melanie Müller von Klingspor
Foto: Agentur view