Caritasverband für die Diözese Speyer
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29. Januar 2026

“Sonst läuft man ja einfach an den Menschen vorbei“

SchülerInnen der 9. Klasse erleben Obdachlosigkeit aus eigener Perspektive
 

Durchs Raster gefallen, isoliert, verachtet – wohnungslose Menschen sind an den Rand der Gesellschaft gedrängt.  Wie es sich anfühlt, auf der Straße ums Überleben zu kämpfen, macht das Virtual-Reality-Projekt „Unhome“ im Innovationszentrum „42“ in Kaiserslautern hautnah erlebbar.  Fachliches Wissen bieten dabei Mitarbeitende des Caritas-Förderzentrums St. Christophorus, die Obdachlose betreuen und begleiten.
 

Der Hunger ist groß, aber die Taschen sind leer. Bleibt nur das Betteln. Doch die meisten Passanten gehen achtlos vorbei, manche haben nur einen verächtlichen Blick von oben herab übrig. Die Situation ist demütigend, verletzend, entmutigend – und eine Szene aus dem VR-Film. 
 

„Ganz schön heftig“, sagt Leon-Joel. Er gehört zu der Gruppe von Neuntklässlern der Geschwister-Scholl-Schule in Waldböckelheim, die an diesem Tag den kostenlosen Workshop zum Thema Obdachlosigkeit im „42“ gebucht hat. Ausgerüstet mit einer futuristisch aussehenden Brille und einem Controller an jedem Handgelenk, mit denen sie agieren können, sind die 15- bis 16-Jährigen für 20 Minuten in den Alltag eines Obdachlosen eingetaucht. In vier Kapiteln durchlaufen sie alle Tages- und Jahreszeiten. Erfahren das ungeschützte Leben im Freien, bei Hitze, Regen, eisiger Kälte und mit der Angst vor Übergriffen vor allem in der Nacht. Denn Obdachlose werden immer wieder Opfer von pöbelnden Betrunkenen. Auch in dem VR-Film. Was tun? Weglaufen oder sich wehren? Die Jugendlichen entscheiden sich mehrheitlich für die Flucht. „Das ist gut so“, sagt Antje Boerner vom „42“. „Denn das Kämpfen endet in dem Film tödlich. Weil es keine Wundversorgung der erlittenen Verletzungen gibt.“  
 

Sie ist die Ausstellungskuratorin und hat das Projekt „Unhome“ nach Kaiserslautern geholt. Entwickelt wurde es von der Hamburger gemeinnützigen Organisation Gobanyo, die sich für Obdachlose einsetzt und Duschbusse für sie unterhält. Dabei kooperierte Gobanyo mit der Curious Company, einem Expertenteam für immersives Storytelling – und einem zufälligen Bezug zu Kaiserslautern. Immersiv bedeutet vollständiges Eintauchen in eine – oft virtuelle – Umgebung. „Der Art Director der Curious Company hat in Kaiserslautern studiert“, weiß Antje Boerner. „Wie hart das Leben auf der Straße ist, weiß der Gründer von Gobanyo, Dominik Bloh, nur allzu gut. Er war selbst über zehn Jahre obdachlos.“ 
 

„Unhome“ soll die Realität wohnungsloser Menschen greifbar machen, dabei helfen Vorurteile abzubauen und die Empathie zu stärken. Deshalb bietet Gobanyo Workshops an Schulen und anderen Bildungseinrichtungen an. Dem Beispiel folgt das „42“ mit einem Workshop-Paket für Jugendliche ab 15 Jahren. „Mir war es wichtig, auch Fachkräfte mit im Boot zu haben“, sagt Kuratorin Boerner. „Deshalb werden die Gruppen und Klassen begleitet von Mitarbeitenden des Caritas-Förderzentrums St. Christophorus hier in Kaiserslautern, eine Einrichtung für wohnungslose Menschen.“ 
 

An diesem Morgen übernimmt dessen Leiter Peter Lehmann persönlich die Aufgabe. „Obdachlosigkeit kennt kein Alter und zieht sich durch alle sozialen Schichten“, weiß er aus langjähriger Erfahrung.  „Wir hatten schon Professoren und Unternehmer im Haus sowie Fußballspieler, die bestens verdient, aber alles durchgebracht haben. Bei etlichen sind Drogen oder Alkohol im Spiel, andere sind spielsüchtig und verzocken alles, was sie haben. Manche trifft die Obdachlosigkeit auch völlig unverschuldet.“ 
 

Das zeigt auch der VR-Film. Er versetzt die Schüler und Schülerinnen der Realschule plus in eine Wohnung, die immer leerer wird. Weil sie Stück für Stück verkaufen müssen, um die Miete zahlen zu können. Denn sie haben den Job verloren.  Schließlich landen sie auf der Straße, mit nicht mehr als einer Tasche. Sie durchwühlen Mülleimer nach Essen und Pfandflaschen, bekommen keine Hilfe vom Amt, weil sie keine Adresse haben. 
 

Nicht jeder schafft den Weg aus der Obdachlosigkeit
 

„Das ist ein Teufelskreis. Wer zu uns kommt, dem helfen wir, ihm zu entkommen. Wir bieten den Menschen mit unserer Einrichtung eine Postadresse, gehen mit zum Amt, damit sie Sozialleistungen erhalten, begleiten zum Arzt und vermitteln auch zu anderen Hilfestellen, wie etwa der Sucht- oder Schuldnerberatung.  Allerdings kommen wir nur anfangs mit, denn Ziel ist es, dass die Betroffenen wieder selbständig werden.“  456 Personen seien 2025 im Übernachtungsbereich von St. Christophorus betreut worden.  „Alles in allem hatten wir 
10.613 Übernachtungen, die meisten in den Wintermonaten. Ein Großteil davon sind Männer, Frauen versuchen, so lange wie möglich ihre Obdachlosigkeit zu verbergen und lassen sich dabei oft auf ungute Kontakte ein.“ 
 

Aus dem Übernachtungsbereich von St. Christophorus seien im vergangenen Jahr 436 Personen entlassen worden. 328 davon waren Durchreisende, 108 Wohnungssuchende. 73 Menschen wurden aus dem Übernachtungsbereich sicher weitervermittelt und 26 aus der Resozialisierungsmaßnahme, insgesamt 46 in eine Wohnung. Von manchen hat sich die Spur verloren, wo sie sich aufhalten ist unbekannt. „Nicht jeder schafft es, seiner Situation zu entkommen. Die Gründe sind unterschiedlich, mal ist die Sucht zu stark, mal leiden sie unter Depressionen oder anderen psychischen Störungen“, klärt Peter Lehmann auf. Mit weiteren Schicksalen können sich die Jugendlichen im Anschluss an den Film auseinandersetzen. Über Blätter gebeugt, verfolgen sie das Leben neun obdachloser Menschen. Vier davon stammen aus Kaiserslautern, die anderen aus Hamburg. Auf einem Fragebogen notieren die Mädchen und Jungen ihre Eindrücke.
 

Fast zwei Stunden sind vergangen, mit einem Fazit aus dem Erlebten neigt sich der Workshop dem Ende zu. „Das ist eine ganz andere Welt, in die wir eingetaucht sind“, sagt Christian. Und sein Klassenkamerad Leon-Joel erklärt: „Es war ungewohnt, die Obdachlosigkeit aus dieser Perspektive zu erleben. Sonst läuft man ja einfach an den Menschen vorbei. Meine Einstellung hat sich jetzt verändert.“  Dem schließt sich auch Taliyah an. Levin dagegen überlegt, was man tun kann, damit es erst gar nicht so weit kommt. Dass Obdachlose 30 Jahre kürzer leben als der Durchschnitt der Bevölkerung hat alle erschreckt. 
 

„Ich glaube, jeder aus der Gruppe hat einiges, worüber er nachdenken muss“, sagt die Englischlehrerin Vanessa Martin, die ihre Schüler und Schülerinnen begleitet hat. Sie bescheinigt der Gruppe, sehr motiviert zu sein. „Deshalb habe ich ihr diese Exkursion geschenkt. Das direkte Erleben durch den VR-Film macht sicher mehr Eindruck und ist nachhaltiger, als das Thema nur theoretisch zu behandeln.“ 
Das zeigt sich bereits auf den gelben Klebezetteln an der Tafel, auf denen die Jugendlichen der Realschule plus vermerkt haben, was sie aus dem Workshop mitnehmen.
 

Info: 
Bis zum 13. Februar können übrigens nicht nur Schulklassen, sondern auch Besucher des „42“ kostenlos per VR-Film in die Rolle von Obdachlosen schlüpfen.
 

Text und Fotos: Friederike Jung für den Caritasverband für die Diözese Speyer
 

Der Leiter des Caritas-Förderzentrums Peter Lehmann und die Kuratorin der Ausstellung Antje Boerner begleiten die SchülerInnen.
Die SchülerInnen tauschen sich über das Erlebte aus.
Schüler notieren, was sie besonders beschäftigt hat.
Mit VR-Brillen tauchen die SchülerInnen in den Alltag von Menschen ohne Wohnung ein.
Peter Lehmann, der Leiter der Kaiserslauterer Einrichtung für Wohnungslose, erzählt den SchülerInnen, welche Schicksale Betroffene durchlebt haben.
Mit VR-Brille und Controllern kann man in andere Lebenswelten eintauchen.