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29. Oktober 2026

„Bei Inklusion gefordert wie noch nie“

Herausforderungen und Chancen in der inklusiven Kinder- und Jugendhilfe
 

Wie Inklusion in der Kinder- und Jugendhilfe gelingen kann, was die Träger tun können und wo Politik nachbessern muss, war Thema der Mitgliederversammlung der Caritas-Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendhilfe Rheinland-Pfalz (CLAG KJ) im Jugendwerk St. Josef in Landau am 22. Oktober. Die 2022 gegründete CLAG KJ ist ein Zusammenschluss von 32 katholischen Trägern mit 43 Einrichtungen und Diensten der Kinder- und Jugendhilfe in Rheinland-Pfalz.
 

Inklusion sei kein bürokratisches Projekt, sagte Mariano Lopez, Vorsitzender der CLAG KJ, zur Begrüßung der Teilnehmenden. Es gehe nicht nur um Fachkräfte und die Gemeinschaft vor Ort. Hauptaufgabe sei es, Räume für echte Begegnung zu schaffen und dabei vor allem auch Kinder ohne Behinderung stärker in den Blick zu rücken und sie dabei zu unterstützen mit Diversität gelungen umzugehen. 
 

Wie sich ein Träger auf Inklusion vorbereiten kann, zeigte Dr. Andreas Kuhn, Bereichsleitung stationär beim Jugendwerk St. Josef in Landau. In einem Ende September ausgelaufenen Projekt schulte das Jugendwerk Leitungskräfte und Mitarbeitende und fragte sie, wo Inklusion im Alltag schon gelingt und wo Angebote bislang ausschließen. Die freiwillige Fortbildung wurde nach Kuhns Worten gut angenommen. Nicht die Besonderheiten einzelner Kinder stünden im Mittelpunkt, betonte er, sondern die Verantwortlichen: Sie müssten lernen, mit Vielfalt umzugehen. Passe ein Kind nicht in ein Angebot, sei das kein Grund, es auszuschließen, sondern ein Anlass, das Angebot anzupassen. Im Jugendwerk werde deshalb sogar überlegt, Intensivgruppen aufzulösen und stattdessen gemischte Gruppen zu bilden.
 

Wer als junger Mensch mit Beeinträchtigung Unterstützung braucht, landet schnell zwischen den Zuständigkeiten: Die Kinder- und Jugendhilfe ist im achten Buch des Sozialgesetzbuchs geregelt, die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen im neunten. Viele Anwesende erleben, dass junge Menschen zwischen Jugendhilfe und Eingliederungshilfe hin- und hergeschoben werden, obwohl das finanziell kaum einen Unterschied macht, wie Melanie Schindhelm von den Diakonissen Speyer erklärte. 
 

Die Diakonissen riefen deshalb BeST-Wohnen (Befähigung zur Selbstbestimmung und Teilhabe im Bereich Wohnen) ins Leben. In einem Reihenhaus leben acht junge Menschen zwischen 17 und 27 Jahren in drei Wohngemeinschaften. Ob die Jugendhilfe oder die Eingliederungshilfe zahlt, spielt dabei keine Rolle. Die jungen Menschen bekommen keine Rund-um-die-Uhr-Begleitung, sondern die Hilfe, die sie brauchen. Wichtig sei, dass BeST-Wohnen eine auf höchstens sechs Jahre begrenzte Übergangslösung ist. Geholfen bei der Umsetzung hätten laut Schindhelm der Austausch auf allen Ebenen, Mut sowie Zeit und Geduld.
 

Dieses Beispiel zeigt, wie nötig die Reform der Kinder- und Jugendhilfe ist. Daniel Kieslinger, Geschäftsführer der LIGA der freien Wohlfahrtspflege Rheinland-Pfalz, gab einen Überblick über den Stand der Reform. Das Erste Kinder- und Jugendhilfestrukturreformgesetz (KJHSRG) möchte Hilfen für Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung stärker zusammenführen. Durch das Aus der Ampelregierung in 2025 sei der Prozess ins Stocken gekommen. Über den Gesetzentwurf berät derzeit der Bundestag, Hauptkritikpunkt ist die Finanzierung. Wie das Gesetz letztlich aussehen werde, sei offen. Die für 2028 geplante Zusammenführung der Zuständigkeiten werde wohl auf 2031 verschoben.
 

Zudem stellte Kieslinger das geplante Projekt „Freie Träger gestalten inklusive Kinder- und Jugendhilfe vor Ort“ vor, in dem freie Träger in drei Modellregionen in Rheinland-Pfalz gemeinsam Konzepte für inklusive Angebote entwickeln. Auftakt ist im Dezember.
Darüber hinaus informierte Kieslinger über die Weiterentwicklung der LIGA: Zuständigkeiten und Rollen sollen klarer, Arbeitsabläufe verbindlicher und die Zusammenarbeit von Kommissionen, Fachgruppen und Geschäftsstelle besser werden. Außerdem sollen die politische Interessenvertretung professionalisiert und die Verhandlungsfähigkeit der Träger gestärkt werden. 
 

Wie sich Inklusion in Kinderwohngruppen im laufenden Betrieb anpacken lässt, zeigten Hanna Ohler und Sila Narci von der Stiftung Juvente an einer Mindmap, in der sie Aufgaben aus den Bereichen Personal, Konzeptentwicklung, Hilfeplanung, Haltung, Fortbildung, Prozess, Vernetzung und Beteiligung sammeln. Farblich markiert sind bereits umgesetzte Punkte und Vorhaben für das kommende Jahr. Anschließend erarbeiteten die Teilnehmenden eine eigene Mindmap für ihre Einrichtung. 
 

„Es war ein dichter Tag mit vielen Informationen“, fasst Barbara Aßmann, Caritasdirektorin des Caritasverbands der Diözese Speyer, zusammen. „Beim Thema Inklusion sind wir gefordert wie noch nie. Gemeinsam können wir viel bewegen. Unsere Caritas-Einrichtungen sind bekannt für gute Arbeit.“
 

Text und Fotos: Dr. Christine Kraus für den Caritasverband für die Diözese Speyer
 

Daniel Kieslinger, Geschäftsführer der LIGA Rheinland-Pfalz, informierte über die Gesetzesreform der Kinder- und Jugendhilfe.
Auf dem Weg zur Werkstattführung: die Mitglieder der CLAG besuchten eine Einrichtung der Jugendwerks St. Josef in Landau.