Caritasverband für die Diözese Speyer
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Zum Welthospiztag erzählen ehrenamtliche HospizbegleiterInnen von Begegnungen, die so unterschiedlich sind wie die Menschen selbst
Speyer, 28. September 2026. Über Fußball reden, obwohl man selbst mit Bundesliga wenig anfangen kann. Gemeinsam Mühle spielen, spazieren gehen oder Gemüse schnippeln. Eine Hand halten. Schweigen. Oder einen Menschen allein lassen, wenn genau das sein Wunsch ist. Hospizbegleitung hat viele Gesichter. Unter dem Motto „Hospiz. So bunt wie das Leben.“ macht der diesjährige Welthospiztag am 10. Oktober auf diese Vielfalt aufmerksam.
Wie unterschiedlich ambulante Hospizbegleitung sein kann, berichteten vier ehrenamtliche HospizbegleiterInnen bei einem Pressegespräch der Ökumenischen Hospizhilfe Pfalz/Saarpfalz. Gerhard Walter vom Ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienst (AHPB) Donnersberg-Ost etwa begleitete zuletzt einen 91-jährigen Mann, der leidenschaftlich gerne über Fußball sprach. „Ich interessiere mich eigentlich kaum dafür – also informierte ich mich vor meinen Besuchen über Spielergebnisse und besondere Begegnungen. Die Gespräche waren lustig, aber auch tiefsinnig“, erzählt er.
Für Ramona Kästner, Koordinatorin beim AHPB Donnersberg-Ost, zeigt diese Begleitung, worauf es beim sogenannten Matching zwischen Ehrenamtlichen und Begleiteten ankommt: „Nicht unbedingt diejenigen passen zusammen, die gleich alt sind, dieselben Interessen oder eine ähnliche Biografie haben. Entscheidend ist, dass jemand bereit ist, sich auf den anderen Menschen mit seinen Eigenarten und Vorlieben einzulassen.“
Manchmal genügt es, da zu sein
Das gilt besonders für sogenannte stille Begleitungen, etwa bei Menschen mit fortgeschrittener Demenz. „Dann gibt es vielleicht keine langen Gespräche mehr. Manchmal besteht die Begleitung darin, eine Hand zu halten, gemeinsam zu schweigen oder einfach da zu sein“, erzählt Ute Seinwill vom AHPB Lauterecken.
Eva-Maria Ulsenheimer-Schäfer vom AHPB Germersheim erinnert sich an einen demenziell erkrankten Mann, der kaum noch sprach. Sie fuhr mit ihm im Rollstuhl spazieren und erzählte ihm dabei aus ihrem eigenen Leben. Auf ihre Fragen antwortete er meist nur mit einem langgezogenen „Jaa, jaa“. „Ich habe ihn manchmal gefragt: Habe ich das gut gemacht? Und ich schwöre: Wenn ich von Entscheidungen erzählte, die nicht gut für mich waren, kam dieses ‚Jaa, jaa‘ nicht. Das hat mich sehr nachdenklich gemacht.“ Für sie war es eine Erfahrung, die zeigte: Beziehung und Verständigung können auch dort entstehen, wo Sprache kaum noch möglich ist.
Hospizbegleitung folge deshalb keinem Drehbuch, so Dorothee Bauhaus, Koordinatorin vom AHPB Lauterecken. „Manche Begleitungen dauern wenige Tage, andere Jahre. Manche Menschen möchten reden, andere spazieren gehen, spielen, vorgelesen bekommen oder schweigen.“ Und manchmal richte sich die Unterstützung mindestens ebenso sehr an die Angehörigen wie an den erkrankten Menschen.
Ulsenheimer-Schäfer begleitete beispielsweise einen Mann, damit seine Frau regelmäßig Zeit für sich hatte. Währenddessen spielten die beiden Mühle. „Ich habe ihn nie gewinnen lassen“, erzählt sie lachend. „Ich spiele einfach zu gerne Mühle.“
Hospizbegleitung ist Lebensbegleitung
Gerade der Begriff „Hospiz“ sei für viele Menschen zunächst eine Hürde, berichtet Nicole Fischer, stellvertretende Koordinatorin und Hospizfachkraft beim AHPB Lauterecken. „Viele denken: So weit bin ich noch nicht.“ Erst wenn sie erfahren, was ambulante Hospizbegleitung tatsächlich leisten kann, werde deutlich, dass Unterstützung viel früher beginnen kann.
Jutta Jörg vom AHPB Donnersberg-Ost begleitet beispielsweise eine an Krebs erkrankte Frau, deren ebenfalls krebskranke Tochter sie zuvor bis zu deren Tod begleitet hatte. „Etwa alle drei Wochen treffen wir uns für mehrere Stunden. Was wir unternehmen, entscheidet die Frau selbst. Krankheit, Sterben und Tod stehen dabei keineswegs immer im Mittelpunkt.“
„Es geht nicht nur darum, wie ein Mensch gut sterben kann“, sagt Daniela Ball-Schotthöfer, Geschäftsführerin der Ökumenischen Hospizhilfe Pfalz/Saarpfalz. „Es geht genauso darum, wie ein Mensch bis zuletzt möglichst gut leben kann.“
2025 begleiteten die 14 ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienste der Ökumenischen Hospizhilfe Pfalz/Saarpfalz 1.922 schwerkranke Menschen. Hinzu kommen Angehörige, die ebenfalls unterstützt wurden. 568 Ehrenamtliche engagierten sich in der ambulanten Hospizarbeit. Rund zwölf Prozent der Begleitungen dauerten länger als ein Jahr. Zur Ökumenischen Hospizhilfe gehören außerdem sechs stationäre Hospize.
Nähe bedeutet auch, Abstand zu respektieren
„So bunt wie das Leben“ bedeute auch, unterschiedliche Vorstellungen von Nähe, Religion, Spiritualität und Sterben zu respektieren, so Cordula Bartum, Koordinatorin des AHPB Germersheim. „Eine Begleitung kann ein Gebet einschließen – wenn der begleitete Mensch es möchte.“ Sie könne aber genauso ohne religiöse Elemente stattfinden. „Wer Menschen missionieren will, ist in der Hospizbegleitung fehl am Platz“, macht Cordula Bartum deutlich.
Und auch gut gemeinte Nähe hat Grenzen. Dorothee Bauhaus erlebt, dass ein Mensch vielleicht zunächst gerne die Hand hält oder sich etwas vorsingen lässt, später aber signalisiert: Jetzt möchte ich das nicht mehr. Auch das müsse respektiert werden.
Dass Alleinsein nicht automatisch Einsamkeit bedeutet, zeige sich mitunter sogar im Moment des Sterbens. Ramona Kästner erinnert sich an einen schwerkranken Mann, dessen Frau und bester Freund sich rund um die Uhr bei ihm abwechselten. „Als seine Frau für wenige Minuten das Zimmer verließ, starb er“, berichtet sie. „Für seine Frau war das zunächst schwer auszuhalten. Vielleicht war genau das sein letzter Akt der Autonomie“, sagt Kästner. „Auch ein sterbender Mensch entscheidet, welche Nähe er möchte.“
„Man bekommt sehr viel zurück“
„So vielfältig wie die begleiteten Menschen sind auch die Ehrenamtlichen“, sagt Alessia Wasser, Hospizfachkraft des AHPB Donnersberg-Ost. „Manche sind Anfang 30, andere über 80. Was sie verbindet, sind weniger Alter, Lebensentwurf oder Religionszugehörigkeit als gemeinsame Werte und die Bereitschaft, sich auf andere Menschen einzulassen.“
Gerhard Walter engagiert sich seit zehn Jahren in der Hospizarbeit. Begonnen hat er nach dem Tod seiner Mutter. „Die Begleitungen haben meinen Horizont erweitert und meinen Blick auf das Leben verändert“, sagt er. Auch Ute Seinwill erlebt ihr Ehrenamt als Bereicherung: „Man schenkt ein bisschen seiner Zeit und lernt dabei selbst unglaublich viel. Man bekommt sehr viel zurück.“
Jutta Jörg beschäftigt die Frage nach Tod und Sterben schon seit ihrer Jugend. Sie habe nie verstanden, warum diese Themen gesellschaftlich so stark tabuisiert würden. „Mit meinem Engagement möchte ich dazu beitragen, Ängste abzubauen und Sterben, Tod und Trauer wieder stärker ins Leben zu holen.“
Genau darin liegt für die HospizbegleiterInnen die Botschaft des diesjährigen Welthospiztages: Menschen leben unterschiedlich, sie glauben unterschiedlich, brauchen unterschiedliche Formen von Nähe und gehen unterschiedlich mit Krankheit, Abschied und Tod um. „Hospizarbeit versucht nicht, diese Unterschiede aufzulösen. Sie nimmt sie ernst.
Hospiz ist so bunt wie das Leben – weil jeder Mensch bis zuletzt seinen eigenen Weg geht“, sagt Daniela Ball-Schotthöfer.
Text: Melanie Müller von Klingspor
Fotos: Deutscher Hospiz- und Palliativverband